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Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

Informationsgesellschaft und Informationskultur

Die Rolle der Universitäten in der Informationsgesellschaft

Heinz-Dirk Luckhardt

(nach Wolf Rauch)

Die Informationsgesellschaft bedeutet nach Rauch einen tiefen kulturellen Umbruch, wie er zuletzt vor 2.500 Jahren stattgefunden hat: So wie damals (im alten Griechenland) die Sprechkultur durch die Schriftkultur abgelöst wurde, so geht es heute um nichts Geringeres als die Ablösung der Schriftkultur durch eine Multi-Media-Informationskultur. Im Zeitalter Sokrates‘, Platons und Aristoteles‘ wurde „das vorher gesellschaftlich dominierende Kommunikationsmittel, die gesprochene Sprache, durch eine neue Form, die schriftliche Aufzeichnung, abgelöst.“ Dies vollzog sich innerhalb nur weniger Generationen und wurde von Warnungen begleitet wie „…dass wir durch die Schrift das Gedächtnis vernachlässigen würden“ und „…dass beim geschriebenen Wort die Gefahr von Missbrauch und Missverstehen viel größer wäre, als beim gesprochenen, weil man als schreibender Autor, anders als ein Redner, weder sein Publikum kenne, noch die konkrete Situation des Lesenden.“ (nach Platon)

Auch der Übergang in eine Multi-Media-Gesellschaft könnte schwerwiegende Veränderungen mit sich bringen: „So wie der Verlust des mündlich tradierten Wissens in der Schriftkultur schneller und gründlicher eingetreten ist, als selbst die pessimistischsten Kritiker es geahnt haben, so könnten wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch Methoden des Wissenserwerbes und der Wissensabsicherung, die mit der Schriftkultur eng verbunden sind, in der multi-medialen Informationsgesellschaft rasch verloren gehen“.

Aber nicht nur das Schreiben bzw. die Schrift an sich könnten betroffen sein. Mit der Schriftkultur eng verbunden sind ja

  • „die lineare, sequentielle Argumentation und Beweisführung,

  • der Zwang zur Verschriftlichung von Aussagen, um diese nachprüfbar bzw. widerlegbar zu machen,

  • die Akkumulation von Wissen über Verweise und Zitate…“.

Würde all dies mit der Schriftkultur untergehen? Rauch kann der Entwicklung durchaus auch positive Perspektiven abgewinnen. Wenn man die Warnungen Sokrates‘ und Platons betrachtet und sie mit der positiven Entwicklung vergleicht, die die Schriftkultur letztendlich genommen hat:

„… hat die von Sokrates und Platon so sehr kritisierte Schriftkultur mit der Entwicklung von Buch und Bibliothek technische Formen der Wissensverbreitung hervorgebracht, die wir heute als den größten Schatz unserer Kultur begreifen. Buch und Zeitung haben ein gesellschaftliches Kommunikationssystem ermöglicht, ohne das Demokratien heutiger Prägung nicht denkbar wären.“

könnte man Positives für die kommende Multi-Media-Gesellschaft erhoffen:

„Es besteht also durchaus die Chance, dass die neuen Informationstechnologien kreative Potentiale freisetzen, die durch die Schriftlichkeit der Wissensvermittlung bisher behindert waren.“

Wie wird es aber den Universitäten ergehen, die ja mit der Schriftkultur so eng verbunden sind? Sie haben gleichzeitig mit einer ganz anderen Entwicklung zu kämpfen, nämlich der Unterordnung aller Lebensbereiche, auch der Kultur und der Bildung, unter das „Marktparadigma“: Politik und Wirtschaft sehen wirtschaftliche Erwägungen (Kostenreduktion etc.) als vorrangig vor allen anderen Erwägungen an:

„Die große, langfristige Veränderungskrise der Informationsgesellschaft fällt zusammen mit dem kurzfristigen (nicht zukunftsverträglichen) Zeitgeist des Marktparadigmas, der alle anderen Fragen in den Hintergrund drängt“.

Dass dies eine absurde Entwicklung ist, zeigt die Diskussion über das „Produktivitätsparadoxon“, v.a. in den USA. Es besagt, dass die Einführung von Informationstechnologie nicht unbedingt zu mehr Produktivität führt. Nobelpreisträger Solow drückte dies so aus: „you can find the information technology everywhere except in the productivity statistics“.

Rauch hält die Einengung der Entwicklung der Universitäten auf das Marktparadigma für grundfalsch:

„Der unbestreitbare gesamtgesellschaftliche Nutzen von Eisenbahn, Elektrizität oder Telephon wurde nicht aufgrund einer ökonomischen Zielvorgabe erreicht, sondem durch visionäre Produkte, deren Ziele und Nutzen für den Einzelnen außerhalb des wirtschaftlichen Erfolges lagen. Diese Basiserfindungen wiederum waren das Ergebnis wissenschaftlicher Grundlagenarbeit…“.

Also müssten sich die Universitäten wieder verstärkt der Grundlagenforschung widmen, wozu sie aber derzeit nicht in der Lage sind, v.a. auch deswegen, weil gerade zukunftsorientierte, stark nachgefragte Fächer übermäßig stark mit Lehre belastet sind.

Ein weiterer Grund, die Grundlagenforschung zu stärken, ist das bekannte Phänomen der „Verkürzung der Halbwertszeit des Wissens“: „.. jenes Zeitraumes, in dem die Hälfte des Inhaltes einer Vorlesung, eines Lehrbuches oder eines Fortbildungsseminars obsolet geworden ist („obsolet“ soll heißen, dass diese Lehrinhalte nicht notwendigerweise als falsch erkannt worden sind, sondern dass sie irrelevant, entbehrlich, veraltet sind, dass man sie eben heute nicht mehr erwähnen würde). Diese Halbwertszeit des Wissens ist von Fach zu Fach unterschiedlich. In der Informationswissenschaft schätzt man die Halbwertszeit auf zwei bis drei Jahre. Das bedeutet, dass am Ende eines Studiums, wenn die Absolventen in die Praxis gehen sollen, nur noch ein Viertel des Stoffes einer Anfängervorlesung relevant ist … Gerade in der Informationswissenschaft fehlt uns ausreichendes Forscherpotential zur Erarbeitung von Grundlagenwissen, von Orientierungswissen, von Methodenwissen. Dieses wäre aber erforderlich, wenn die Universitäten helfen sollen, die positiven Visionen der Informationsgesellschaft in die Praxis umzusetzen: Fragen des Wissenserwerbes unter den Bedingungen und Möglichkeiten weltweit vernetzter multi-medialer Informationssysteme, Fragen der Wissensvermittlung mit den neuen Möglichkeiten der Kommunikationsinfrastruktur und – vor allem – Fragen der Informationsethik“.

Die wichtigste Aufgabe der Universitäten in der Informationsgesellschaft ist aber neben dem Wissenserwerb und der Wissensvermittlung vielleicht in der Qualitätssicherung des Wissens zu sehen. Wenn man sich nämlich vor Augen hält, welche Rolle die Universität – neben Institutionen und Instanzen wie Buch- und Zeitschriftenverlagen, Herausgebergremien, Rezensenten, Lektoren, Programmkomitees u.a. – in der Schriftkultur bei der Bewertung und Sicherung der Qualität von Wissensprodukten gespielt hat, muss man sich fragen, welche Instanz dies in der Multi-Media-Informationsgesellschaft übernehmen wird. Derzeit fehlt hier ein Qualitätssicherungssystem völlig:

„In den neuen Medien wird es immer schwieriger, Realität von Fiktion, Fakten von Meinungen, gesichertes Wissen von Desinformation zu trennen. Wer wird in der Informationsgesellschaft die schwierige Aufgabe übernehmen, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis … von obskurer Esoterik … zu scheiden? … Sie (die Universität) muss die bestmöglichen Verfahren zur Qualitätssicherung, zur Selbstevaluierung und zur Einhaltung wissenschaftsethischer Standards bieten“.

Diese Verfahren und Methoden können zum Teil aus den in der Schriftkultur entstandenen entwickelt werden, neue bzw. an die neuen Anforderungen angepasste müssen sie ergänzen.

Soweit die Argumente dafür, die Universitäten nicht ausschließlich dem „Marktparadigma“ zu unterwerfen und ihre besonderen Fähigkeiten zu nutzen, um bestimmte notwendige Voraussetzungen für das Funktionieren der Informationsgesellschaft zu schaffen, was sonst keine Institution leisten kann. Insbesondere also

„… sollte man die Universitäten nicht darauf reduzieren, Wissen bereitzustellen, das in der Folge (möglichst rasch natürlich) die ökonomische Basis der Gesellschaft verbessert. Das hieße denn doch, Mittel mit Zielen zu verwechseln. Die Wirtschaft soll helfen, ein Ziel möglichst effizient zu erreichen, sie selbst ist kein Ziel.“