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Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

Informationsgesellschaft und Informationskultur

Informationswirtschaft und Informationskultur

Heinz-Dirk Luckhardt

(nach Dieter Schumacher)

Schumacher ist ein Vertreter der Informationswirtschaft, also des Wirtschaftszweiges, der sich in den letzten dreißig Jahren (also keineswegs erst zu Zeiten des WWW) herausgebildet hat und nach heutiger Terminologie (nach Willi Bredemeier) als „Content-Branche“ bezeichnet werden könnte. Als Beiträge der Informationswirtschaft für eine Informationskultur lassen sich vorab aus Schumachers Artikel die folgenden herauskristallisieren:

  • Das Hauptziel der Informationswirtschaft ist die Verbreitung qualitativ hochstehender Informationsprodukte

  • Den Kern der Informationswirtschaft bilden die klassischen Informationsproduzenten, die Informationsanbieter und die Informationsvermittler

  • Das Interesse der Nutzer ist auch das Interesse der Informationswirtschaft

  • Die Nutzer sollen informationell autonom sein: dazu gehört die bedarfsgerechte, ungehinderte Versorgung mit reichhaltigen, langlebigen, nicht manipulierten Informationsgütern

  • Einmal produziertes Wissen soll auch (im Idealfall für immer) abrufbar bleiben

Damit sind zum großen Teil Ziele genannt, die allgemein als (Teil-)Ziele einer Informationsgesellschaft angesehen werden könnten. Die aktuelle Entwicklung ist aber laut Schumacher nicht dazu angetan, das Erreichen dieser Ziele zu befördern. Aus seinem Text lassen sich die folgenden Thesen formulieren:

1. These: Die Informationskultur wird unter der Überschrift „Globalisierung“ zunehmend rein wirtschaftlichen und branchenfremden Interessen unterworfen

2. These: Die Großkonzerne nutzen die Informationsbranche zur eigenen Machtvergrößerung, ohne ein wirkliches Interesse am Produkt „Information“ zu haben

3. These: Branchenfremde instrumentalisieren die Informationsbranche: sie behaupten, dem Informationswesen dienen zu wollen, stimulieren aber nur ihr Wachstum, um IT-Tools, Netzverbindungen und PR-Gags zu verkaufen

4. These: Einziges Ziel vieler Websites ist es, Traffic auf ihren Seiten zu erzeugen. In dem Sinne sind gute Informationsdienste kein Ziel an sich, sondern bestenfalls Mittel zum Zweck

5. These: Information Retrieval mit Suchmaschinen bedeutet einen Rückfall in die frühen 80er Jahre

6. These: Gravierende Nachteile von Webinformationen sind: Manipulierbarkeit und ungewisse Lebensdauer von Webseiten

7. These: Zu jeglicher Informationskultur gehört, dass einmal produzierte Informationen auch abrufbar bleiben.

8. These: Die Regierungsprogramme zur Förderung der Informationskultur (Fachinformationsprogramme, seit 1974) sind oft den aktuellen Entwicklungen hinterhergehinkt


Schumachers Argumentation ist im Folgenden wieder gegeben (Zitate in Anführungsstrichen).

1. These: Die Informationskultur wird unter der Überschrift „Globalisierung“ zunehmend rein wirtschaftlichen und branchenfremden Interessen unterworfen

„Allzu lange hat sich die gute alte IuD-Community mitsamt ihren Führungskräften in einer heilen Welt gewähnt und gemeint, irgend wann müsse doch im Volk die Einsicht wachsen, dass IuD ein natürlicher Schatz sei und von Jedermann genutzt werden müsse – so auch die (deutsche) luD-Politik und die (deutsche) Informationswirtschaft. Bis heute wurde noch nicht realisiert, dass inzwischen eine schleichende Machtübernahme durch Globalisierer und ihre willigen Helfer im Gange ist, die nicht nur das Informationswesen, sondern nahezu alle Bereiche von Wissenschaft und Wirtschaft zu kolonisieren trachten und der traditionellen Informationskultur womöglich bleibende Schäden zufügen.“

In erster Linie zu nennen sind hier die „global players mit ihrem Raubtierkapitalismus“, die „jeden Bezug zu Forschung und Entwicklung, Produkten und Arbeitnehmern verloren haben“. Gerade auch im Bereich IUD (Information und Dokumentation) geht es ihnen nicht um neue und bessere Produkte, sondern um Kostensenkung und shareholder value. Unterstützt werden sie von Analysten, die „zwar keine Ahnung von der Sache haben, aber dennoch Empfehlungen an die Finanzwelt verbreiten, denen die Anleger hörig folgen.“


2. These: Die Großkonzerne nutzen die Informationsbranche zur eigenen Machtvergrößerung, ohne ein wirkliches Interesse am Produkt „Information“ zu haben

„Nachdem die Großkonzerne in den 80er und frühen 90er Jahren in der Informationsbranche noch keinen Profit sahen und die Pionierarbeit den Kleinen überließen, schlugen sie in dem Moment heftig zu, als Internet und IT-Dienste plötzlich zum großen Renner wurden. Flugs begannen sie ihre Beutezüge mit dem Ziel, möglichst große Einheiten zu bilden und Marktmonopole zu errichten, mindestens aber die Endnutzer in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen.“

Diese Abhängigkeit wurde dadurch erreicht, dass die IT-Industrie ständig neue Hardware, Software, Netze etc. auf den Markt wirft, so dass der Endnutzer einen grossen Teil seines Budgets aufwenden muss, um wenigstens kompatibel zu bleiben. „Nur solche Endnutzer können sich als informationell mündig empfinden, welche die jeweils neueste Version und Konfiguration installiert haben. Gegen diesen Terror der IT-Wirtschaft ist auf absehbare Zeit kein Kraut gewachsen. „

Großverlage kaufen die florierenden IUD-Dienste und -Unternehmen auf und machen sie zum Spielball ihrer Börsenambitionen: „Dow Jones und Reuters, ehemals Wettbewerber, geben die Geburt ihrer Tochter Factiva bekannt, um den Newsmarkt zu dominieren. Thomson (UK) will den digitalen Markt für Finanzinformationen an sich reißen. Bertelsmann steigt bei Springer Heidelberg ein, um am digitalen Fachinformationsmarkt die Nummer I zu werden. Beilstein, die Perle einstiger Bundesförderung, wurde zunächst in die USA verkauft und von dort weiter an Elsevier. Was bei diesen Schlachten mit den Inhalten und den Mitarbeiterteams der früheren Qualitätsdienste passiert, kann man sich unschwer vorstellen.“


3. These: Branchenfremde instrumentalisieren die Informationsbranche: sie behaupten, dem Informationswesen dienen zu wollen, stimulieren aber nur ihr Wachstum, um IT-Tools, Netzverbindungen und PR-Gags zu verkaufen

Dazu gehören zunächst die Großen der Computerbranche wie Microsoft oder die vielen Internet-Startups, die immer neue Webdienste anbieten. All dies hat mit einer Verbesserung der Inhalte des Webs nichts zu tun. Zu den Newcomern der Informationsbranche gehört auch die Werbewirtschaft: „Zahlreiche Werbeagenturen mutierten plötzlich zu Informationsvermittlern, weil sie ihrer Kundschaft das Internet als weitgehend kostenlose Informationsquelle verkauften, zu der man über eine schicke Designer-Homepage Zugang erhält. Dafür stehen Werbebudgets bereit, von denen IuD-Abteilungen nur träumen können… Das führt zu der perversen Situation, dass Banken und Großunternehmen – wie in der Damenmode – ihren Internetauftritt laufend für sechsstellige Beträge den von Webdesignern vorgegebenen modischen Trends aupassen, während in denselben Häusern Controller in den IuD-Abteilungen jeden Pfennig umdrehen. Entsprechend dürftig sind auch die IuD-Funktionen und interaktiven Dienste auf den einzelnen Websites, denn welche Werbeagentur kann schon mit thesaurusgestützten Datenbanken und anspruchsvollen Retrievalprozeduren umgehen.“


4. These: Einziges Ziel vieler Websites ist es, Traffic auf ihren Seiten zu erzeugen. In dem Sinne sind gute Informationsdienste kein Ziel an sich, sondern bestenfalls Mittel zum Zweck

„Entlarvend für die dargebotenen Dienstleistungen ist die totale Fixierung auf Internet-Traffic: Portale und Webseiten reißen die Bosse nur dann vom Stuhl, wenn sie möglichst viel Traffic bringen, egal mit welchen Inhalten. Anders ausgedrückt: Gute Informationsdienste sind im Internet kein Wert an sich, sondern werden begrüßt und angeboten, wenn sie Traffic auf die Website bringen. Wer keinen Traffic bringt, ist uninteressant. Auch darin liegt eine Kolonisierung und Instrumentalisierung der guten alten Contents und eine Verarmung der bisherigen Informationsvielfalt.“

Um dies zu illustrieren, entwirft Schumacher ein Szenario, das man sofort als absurd empfindet, obwohl man genau diese Konstellation im WWW mehr oder weniger klaglos hinnimmt:

„Was da abläuft, kann man sich im traditionellen Umfeld so vorstellen: Eine Bibliothek würde danach bewertet, wie viele Besucher reinkommen, auch wenn sie die Bestände gar nicht nutzen. Es reicht, wenn die Besucher an den zahlreichen aufgebauten Werbetafeln (vulgo Banners) vorbeikommen. Besser noch: In der Bibliothek werden Verkaufsstände für Nahrungsmittel, Textilien oder Urlaubsreisen sowie Bankschalter eingerichtet. Die Bibliotheksträger reiben sich die Hände: Sie brauchen keine Bücher mehr zu kaufen (denn was im Regal steht, ist egal), haben aber schöne Mieteinkünfle für Werbe- oder Standflächen. Als weitere Einnahmequellen sind Trikotwerbung auf der Dienstkleidung des Personals sowie Werbelogos auf den Karteikarten im Bestandskatalog denkbar (,this bibliographic reference is sponsored by McDonalds‘). Einer solchen ökonomischen Versuchung kann in Zeiten knapper Haushaltsmittel eigentlich keine Stadtverwaltung oder Universität widerstehen, bei allem Respekt vor Informationskultur und kulturellem Auftrag.“


5. These: Information Retrieval mit Suchmaschinen bedeutet einen Rückfall in die frühen 80er Jahre

Wer noch nie traditionelle Informationsdienste genutzt hat, empfindet die Sucherfolge im WWW wahrscheinlich als Fortschritt. Information Retrieval kann heute sehr viel erfolgreicher sein, als dies derzeit im WWW praktiziert wird. Dazu müsste aber die Internetindustrie mehr Aufwand in die Erschließung der Inhalte investieren, wozu aber kaum jemand bereit zu sein scheint.


6. These: Gravierende Nachteile von Webinformationen sind: Manipulierbarkeit und ungewisse Lebensdauer von Webseiten

Dies sind Nachteile, die in der Informationsindustrie neu sind: die traditionellen Informationsdienste haben immer neutral, objektiv und umfassend Material in ihre Datenbanken aufgenommen. Und einmal gespeichert, blieben die Informationen immer verfügbar. Oder wäre es denkbar, dass Patente aus einer Patentdatenbank gelöscht würden, weil sie über die „Altersgrenze“ geraten? Dieses Thema ist so wichtig, dass man es in einer eigenen These formulieren kann:


7. These: Zu jeglicher Informationskultur gehört, dass einmal produzierte Informationen auch abrufbar bleiben.

„Das geht bis hin zu dem hehren Grundsatz, dass jede Generation die Pflicht hat, das bis dahin erarbeitete Wissen nachfolgenden Generationen aufzubereiten und aufzubewahren. Ein solches verantwortliches Denken ist den Global Information Players völlig fremd und passt überhaupt nicht in ihre kurzsichtigen Business-Pläne“.

Für dieses Verhalten nennt Schumacher einige Beispiele. So werden Archive und Quellen aufgekauft (Bill Gates: Bilderrechte), die dann liegengelassen werden, „bis man damit Kasse machen“ kann bzw. damit andere damit keine Geschäfte machen können. Dies führt dann zu einem „Artenstreben, weil in den Zwischenlagern nur solche Quellen überleben, die sich rechnen“.

Die Lebensdauer gespeicherter Informationen ist aber auch deshalb ungewiss, weil der Lebenszyklus von Speichermedien stark abnimmt:

„Digitale Datenträger mögen zwar auch einige Dekaden halten; sie können jedoch nur gelesen werden, wenn die jeweiligen Lesegeräte und Betriebssysteme noch bereitstehen. Diese werden von den IT-Mächten aber bewusst mit einer kurzen Lebensdauer ausgestattet, um Folgegeschäfte zu sichern. Wer also an einer CD in 50 Jahren noch Freude haben möchte, sollte sich das zum Lesen notwendige Gerät aufbewahren oder die Daten alle 3-5 Jahre (das ist der derzeitige Produktzyklus in der IT-Technik) auf die jeweils neue Gerätegeneration umformatieren. Diese Rahmenbedingung verschweigen uns die hehren Anbieter tunlichst. Einstweilen ist ein um sich greifendes Datensterben angesagt.“

Hinzuzufügen sind noch zwei weitere Aspekte. Zum einen ist auch die Lebensdauer von Webadressen ein Problem, Informationen verschwinden von Servern, ohne eine Spur zu hinterlassen. Zum anderen sollte man der Erfordernis der „Aktualität“ differenziert begegnen. Aktualität ist nur dort wichtig, wo es um zeitkritische Informationen geht. Wenn eine Webseite ein älteres Datum trägt, heisst das keineswegs, dass sie keine Informationen enthält.


8. These: Die Regierungsprogramme zur Förderung der Informationskultur (Fachinformationsprogramme, seit 1974) sind oft den aktuellen Entwicklungen hinterhergehinkt, insbesondere das letzte: „Information als Rohstoff für Innovation“. Was heute fehlt, ist ein „ein Bündnis Informationskultur mit einem Sofortprogramm zur Sicherung der Informationskultur“ sowie ein „strategisches Rahmenkonzept, aus dem die Aktions- und Wirkungsfelder von Informationskultur deutlich werden“.

„In einem solchen Raster lassen sich dann auch unschwer die spezifischen deutschen Mangelzustände, Gefährdungen, Potentiale und Chancen lokalisieren, aber frei von Zuständigkeitsaspekten und sonstigen typisch deutschen Voreinstellungen. Um dieses Opus zu erstellen, braucht man keine Anhörungen und monatelange Sitzungsrunden: So etwas machen einige ausgewählte Vordenker (nicht nur luD und Wissenschaft!) mit guter Materialversorgung in drei Monaten. Ausschlusskriterien für eine solche Task Force wären Interessenvertreter jeglicher Art, also Verbandsfunktionäre (soweit sie nur Partikulärinteressen verfolgen), Ministerielle (soweit sie nur ihr Haus vertreten), Global Players (soweit sie nur abstauben wollen) und Großconsultants (soweit sie den Job als Generalunternehmer missverstehen …).“