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Studium Informationswissenschaft

Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

9. Information und Kommunikation

Zum Informationsdesign von Texten

Heinz-Dirk Luckhardt

– warum Grammatikregeln beim Textverständnis helfen –

Christian Morgenstern Der Werwolf Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn Bitte beuge mich! Der Dorfschulmeister stieg hinauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten: »Der Werwolf« sprach der gute Mann »des Weswolfs« Genitiv sodann »dem Wemwolf« Dativ wie man’s nennt »den Wenwolf« damit hat’s ein End. Dem Werwolf schmeichelten die Fälle er rollte seine Augenbälle. Indessen bat er füge doch zur Einzahl auch die Mehrzahl noch! Der Dorfschulmeister aber mußte gestehn daß er von ihr nichts wußte. Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar doch »Wer« gäb’s nur im Singular. Der Wolf erhob sich tränenblind — er hatte ja doch Weib und Kind!! Doch da er kein Gelehrter eben so schied er dankend und ergeben.

Wer mit diesem Text Schwierigkeiten hat, kann die alternative Darstellung wählen:

Christian Morgenstern:
Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

»Der Werwolf« — sprach der gute Mann
»des Weswolfs«, Genitiv sodann
»dem Wemwolf«, Dativ wie man’s nennt
»den Wenwolf« — »damit hat’s ein End«.

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch »Wer« gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind —
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

 

Texte werden geschrieben, um gelesen und verstanden zu werden. Im Sinne der Informationswissenschaft dienen Texte dem Wissenstransfer und sollten darauf ausgerichtet sein, dass das zu vermittelnde Wissen beim Kommunikationspartner „Leser“ ankommt (hier wird allerdings durch das literarische Beispiel vom Leser etwas Abstraktionsvermögen erwartet ;-). Welche Möglichkeiten der Gestaltung der Autor hat, welchen Fallstricken er ausweichen sollte und welchen Sprachregeln in diesem Sinne eine besondere Bedeutung zukommt, dies wird im vorliegenden Beitrag diskutiert.

Die Bedeutung von Sprache für Informationssysteme

Die zentrale Bedeutung von (natürlicher) Sprache für Informations- und Kommunikationssysteme muss nicht ausdrücklich betont werden. Sprache ist aber im Zeitalter der Emails und Newsgruppen insofern eine vernachlässigte Größe, als die Beschleunigung der schriftlichen Kommunikation zu einer Verwahrlosung der Sprache und damit zu einer Verschlechterung der Kommunikation führen kann. Dabei kann es nicht darum gehen, aus formalistischen Gründen auf der Einhaltung von Regeln (Grammatik, Interpunktion) zu bestehen. Vielmehr ist es leicht zu zeigen, dass die meisten der Regeln dazu angetan sind, die Kommunikation zu fördern, dass sich ihre Einhaltung also im Sinne einer Verbesserung der Kommunikation lohnt.

Informationen werden am häufigsten sprachlich übermittelt, wohingegen Bilder, Graphiken, laufende Bilder etc. am wichtigsten als Illustration, als ergänzendes Mittel zur Informationspräsentation sind. Wissen wird durch Sprache übermittelt: durch mündliche Vorträge, durch schriftliche Beiträge in Zeitschriften, Monographien, Sammelbänden, Websites etc. Das meiste in Datenbanken gespeicherte Wissen ist sprachlich kodiert. Auch im Mittelpunkt des WWW steht Sprache, alles andere ist nur Garnierung (evtl. abgesehen von reinen Unterhaltungsangeboten). Keine Benutzungsschnittstelle kommt ohne Sprache aus. Was sich mit Sprache ausdrücken lässt, kann nur sehr schwer mit anderen Mitteln repräsentiert werden.

Ein solch komplexes Werkzeug wie Sprache bringt auch Probleme mit sich: nichts ist so mehrdeutig wie natürliche Sprache (kaum ein linguistisches Problem ist in den letzten 40 Jahren – vor allem in der Computerlinguistik – so intensiv untersucht worden). Nichts behindert die (internationale) Kommunikation so sehr wie Sprachbarrieren (Mehrsprachigkeit, Lokalisierung von Produkten, Terminologien, Sublanguages … ). Daher müssen Autoren alle Möglichkeiten ausschöpfen, Kommunikation durch Sprache erfolgreich zu gestalten. An dieser Stelle soll vor allem von formalen Gestaltungsmöglichkeiten die Rede sein.

Um „Informationsdesign von Text“ soll es gehen, um die kommunikationsfördernde Gestaltung geschriebener Sprache. Dies bedeutet im Wesentlichen Visualisieren von Inhalt und Struktur und Ausschöpfen von Mitteln des eindeutigen, klaren Ausdrucks. Es soll unterschieden werden in Mittel des Designs auf Textebene (Gestaltgesetze, Textauszeichnung und -gestaltung) und im weitesten Sinne grammatische Mittel auf Satzebene. Bei Letzteren wird es um oberflächennahe Gesichtspunkte (Morphologie, Syntax, Interpunktion) gehen. Die der eigentlichen Textlinguistik zuzuordnende Pragmatik, also die in einer tieferen Textstruktur darzustellende sprachliche Kommunikation, wird hier nicht betrachtet (vgl. in Wikipedia: Pragmatik).

Eine linguistische Herangehensweise an das „Informationsdesign von Texten“stellt die Thema/Rhema-Gliederung von Sätzen dar, die von der Prager Schule („funktionale Satzperspektive“) zum ersten Mal beschrieben wurde.

Die Beispiele sind Proseminararbeiten der Jahre 2002/2003 unverändert (allenfalls gekürzt) entnommen.