Diese Website ist seit dem Ende des Studiengangs Informationswissenschaft
im Juni 2014 archiviert und wird nicht mehr aktualisiert.
Bei technischen Fragen: Sascha Beck - s AT saschabeck PUNKT ch
Drucken

Studium Informationswissenschaft

Kunz/Rittel: Die Informationswissenschaften

– Die Vision von 1972 ist fast 40 Jahre später noch aktuell –

Heinz-Dirk Luckhardt

Die Vollversion des Buchs „Die Informationswissenschaften“ finden Sie im Volltextarchiv der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek (SCIDOK).

Inhalt

1. Einführung

Werner Kunz und Horst Rittel haben 1972 mit ihrem Buch „Die Informationswissenschaften“ (München/Wien: R. Oldenbourg Verlag; vergriffen) eine der Grundlagen für die Entwicklung der Informationswissenschaft(en) in Deutschland gelegt. Eine aufmerksame Lektüre ihrer Ausführungen zeigt, daß sie nicht nur historisch von Interesse sind. Ganz im Gegenteil: Trotz der nicht zu übersehenden Entwicklungen auf dem Gebiet der Informationstechnologie sind die meisten Aussagen, Definitionen und Modelle auch heute noch relevant. Im Folgenden wird versucht, durch Zusammenfassung bzw. in Form von Extrakten diese Relevanz darzustellen und – wo nötig – mit Kommentaren zu versehen.

Alle Aussagen, mit Ausnahme der gekennzeichneten Kommentare, stammen von Kunz und Rittel. Auf explizite Verweise auf das Original wurde verzichtet. Eine Orientierung im Hinblick auf das Original ist aber anhand der Kapitelüberschriften und der Thesen, deren Numerierung im wesentlichen beibehalten wurde, leicht möglich.

1.1 Ausgangslage

Im Bundesbericht Forschung III (Bericht der Bundesregierung über Stand und Zusammenhang aller Maßnahmen zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, 1969) wird festgestellt, daß zur Bewältigung der Probleme der

„…Erfassung, Auswertung, Speicherung, Wiederauffindung, Verbreitung und Nutzung von Informationen … eine intensive Forschung und Entwicklung neuer Methoden, Systeme, Organisationsformen“ erforderlich ist.

Weiter heißt es dort:

„…wird es für nötig gehalten, die Dokumentations- und Informationswissenschaft in das reguläre Ausbildungsprogramm der wissenschaftlichen Hochschulen einzubeziehen.“

Der Weinberg-Report (1963) demonstriert, daß das Verständnis der Informationsprozesse bei Forschung, Entwicklung, Planung usw. gleichrangig mit, wenn nicht sogar vorrangig vor den rein informationstechnischen Fragen untersucht und entwickelt werden muß, um die kritische Situation der Information zu mildern.

1.2 Aufgabenstellung des Buches

Kunz/Rittel wollen Vorschläge für die Entwicklung der Informationswissenschaften erarbeiten: Gegenstand, Aufgaben, Verständnis, Abgrenzung, Forschung, Ausbildung.

2. Das Gebiet der Informationswissenschaften

2.1 Der Bedarf für die Informationswissenschaften

Die Technologie und die Praxis der Information haben eine Entwicklung ausgelöst, welche eine Vielfalt von Problemen mit sich gebracht hat. Es fehlt an Programmen und Fachleuten, welche diese Probleme in Angriff nehmen.

Nicht der Computer allein ist das zentrale Problem beim Einsatz neuer Informationstechnologien. Komplexere Planungs- und Entscheidungsprozesse, die Intensivierung und Ausweitung der Kommunikation, der Einfluß der Kommunikationsmedien und die Bedeutung der Information für die Innovation machen Information zu einem wertvollen Gut.

2.2 Vielfalt bestehender Ansätze

These 1:

Es ist noch keineswegs klar umrissen, noch kann es als allgemein akzeptiert gelten, was unter Informations- und Dokumentationswissenschaften, unter Kommunikationswissenschaften und dgl. verstanden wird, und es ist noch nicht bestimmt, ob diese Fächer den ganzen Bereich abdecken, der die Probleme der Information beinhaltet. Sogar die Bezeichnung dieses Bereichs ist kontrovers. Er soll hier als Informationswissenschaften bezeichnet werden.

Die Diversität der existierenden Ansätze deutet auf eine reiche Entwicklung, wie sie typisch für die Entstehung neuer Gebiete ist.

2.3 Disziplin oder Fachbereich?

These 3:

Die Informationswissenschaften sind eher ein Fachbereich als eine einzelne Disziplin. Es gibt viele Arten von Informationswissenschaftlern, spezialisiert durch die Art der Informationssysteme, an welchen sie arbeiten, oder durch die Aspekte, welche sie verfolgen.

Längst etablierte informationswissenschaftliche Disziplinen sind die Dokumentations- und die Bibliothekswissenschaft. Eine besonders charakteristische neuere Form ist der Informationsingenieur. Der Beruf des Informationsmanagers ist bereits im Entstehen. Diese und viele andere Typen von Informationswissenschaftlern werden trotz der Verschiedenheit ihrer Rollen und Funktionen durch die Gemeinsamkeit ihrer Objekte – Informationsprozesse und -systeme – und ihres Ziels – nämlich die Information von Akteuren – in so enge methodologische und sachliche Nachbarschaft zueinander gebracht, daß es gerechtfertigt ist, sie einem gemeinsamen Fachbereich zuzurechnen.

2.4 Wissenschaftscharakter der Informationswissenschaften

These 4:

Die Informationswissenschaften sind keine Wissenschaft im engeren, herkömmlichen Sinn. Denn die Gewinnung von Erkenntnissen ist für sie nur Mittel zum Zweck und nicht Ziel. Das Ziel ist die Planung, der Entwurf und der Betrieb von Informationssystemen.

Wissenschaften haben das Ziel, allgemeine Sätze aufzustellen, zu begründen, zu bezweifeln etc. Die instrumentelle Anwendung solcher allgemeinen Sätze gilt nicht als Aufgabe von Wissenschaften im strengeren Sinn. Der Wissenschaftler will verstehen lernen und nicht verändern. Der Informationswissenschaftler will wissen, um zu handeln; Wissen ist Mittel zum Zweck, nicht Zweck.

    Kommentar: Dies ist eine sehr strenge Sicht des Begriffs „Wissenschaft“. Würde man dem folgen, dürfte man nur noch Disziplinen wie etwa die Philosophie als Wissenschaft bezeichnen. In den Informationswissenschaften werden sicher auch Erkenntnisse gewonnen, die nicht unmittelbar in die Praxis umgesetzt werden können und die auch vielleicht gar nicht unmittelbar für einen Praxiseinsatz gedacht waren, vielmehr als Vorstufe, als Grundlage für andere Informationswissenschaftler. Jemand, der an einer allgemeinen Klassifikation arbeitet, die sich vielleicht nie in einem Informationssystem verwenden läßt, darf sicher zu Recht als Informations“wissenschaftler“ bezeichnet werde.

    (zum Wissenschaftsbegriff: vgl. auch Skript, 7. Kapitel)

    Aus heutiger (1998) Sicht trifft Kunz/Rittels Definition am ehesten auf die Dokumentations-, Archiv- und Bibliothekswissenschaft zu, wie sie an Fachhochschulen vertreten sind, die in der Regel eine unmittelbare Anwendbarkeit gewonnener Erkenntnisse zum Ziel haben. Dafür gibt es verschiedene Belege, z.B. die Themen von Abschlußarbeiten. Während z.B. im Magisterstudiengang „Informationswissenschaft“ an der Universität des Saarlandes durchaus theoretische Magisterarbeitsthemen üblich sind, beziehen sich Diplomarbeiten an Fachhochschulen eher auf konkrete Anwendungen.

These 5:

Die Informationswissenschaften sind keine Metawissenschaften, obwohl z.B. jeder Forschungsprozeß als Informationsprozeß verstanden werden kann. Sie sind auch nicht eigentlich interdisziplinär, sondern höchstens transdisziplinär: sie sind Brückenwissenschaften zwischen verschiedenen Disziplinen, zwischen Wissenschaften und Technologien, zwischen Forschung und Praxis.

2.5 Information und Innovation

These 6:

Die Meisterung der Probleme der Information und Kommunikation ist Voraussetzung nicht nur für die Probleme von Wissenschaft und Technik, sondern auch der politischen, kulturellen, ökonomischen und administrativen Gegebenheiten.

Wenn unter Innovation alle Tätigkeiten verstanden werden, die auf die bewußte Herbeiführung von Änderung abzielen, dann sind die üblichen Kategorien von Forschung, Entwicklung, Planung usw. lediglich verschiedene Innovationsformen. Innovation beruht auf Information. Folglich ist es wenig sinnvoll, Informationssysteme ohne Bezug auf das Innovationssystem zu entwerfen.

2.6 Informationswissenschaften und Dokumentationsforschung

These 8:

Dokumentationssysteme sind spezielle Informationssysteme. Deshalb ist die Dokumentationsforschung eine Informationswissenschaft. Sie ist eine besonders wichtige Informationswissenschaft, weil Dokumentationssysteme den Kern besonders wichtiger Informationssysteme bilden.

2.7 Informationswissenschaften und Bibliothekswissenschaft

These 9:

Große Teile der Bibliothekswissenschaft gehören zu den Informationswissenschaften.

Bibliothekswissenschaft und library science haben vor allem in den USA die Dokumentationsforschung hervorgebracht. Traditionell sind Bibliotheken mit der Aquisition und Speicherung von Büchern und Zeitschriften befaßt. Schon 1972 jedoch sahen einige den zukünftigen Bibliothekar als Informationstechniker und -wissenschaftler.

    Kommentar: Diese Entwicklung spiegelt sich heute z.B. in Universitätsbibliotheken wider (wie z.B. in der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek), denen Informationsabteilungen angegliedert sind, die eindeutig informationswissenschaftliche Aufgaben haben (z.B. Informationsvermittlung, Aufbau von Informationssystemen: OPACs).

2.8 Informationswissenschaften und Kommunikationswissenschaft

These 11:

Da jeder Informationsprozeß mit einem Kommunikationsprozeß korrespondiert und umgekehrt, kann man den hier diskutierten Bereich auch als Kommunikationswissenschaft bezeichnen. Da indessen die Bezeichnung „Kommunikationswissenschaft“ – wenn auch uneinheitlich – hauptsächlich auf soziologische, psychologische und physiologische Ansätze bezogen wird, deren Resultate zum Teil zu den Informationswissenschaften beitragen, wird hier, der notwendigen Eindeutigkeit wegen, der Bezeichnung „Informationswissenschaften“ der Vorzug gegeben.

(vgl. auch im Informationswissenschaft-Skript den Text zu „Information und Kommunikation“ )

2.9 Informationswissenschaften und Systemforschung

These 12:

Die Systemforschung ist eng mit den Informationswissenschaften verflochten. Sie liefert die wichtigsten Methoden, bei Planung, Entwurf und Entwicklung von Informationssystemen.

Hier werden unter Systemforschung die Verfahren verstanden, welche der Strukturierung von Planungs- und Entwurfsproblemen, der Entwicklung von Lösungskonzepten sowie ihrer Ausführung und Erprobung dienen, wobei die Objekte als „Systeme“ verstanden werden, d.h. als Gefüge von Elementen, Relationen, Attributen und Operationen.

(dazu: Systemanalyse nach Soergel)

2.10 Informationswissenschaften und ihre Nachbargebiete

Informatik

These 13:

Die Methode der Informatik ist die der angewandten Mathematik, ihr Ausgangspunkt der Computer und seine Möglichkeiten.

Der wichtigste inhaltliche Unterschied zwischen Informatik und Informationswissenschaften besteht darin, daß die Informatik ihren Ausgangspunkt beim Computer und seinen Möglichkeiten hat, während die Informationswissenschaften von einem konkreten Informationsprozeß ausgehen. Betrachtete oder zu entwerfende Informationssysteme mögen Computer und andere technische Einrichtungen als Teilsysteme enthalten oder nicht.

Linguistik

These 14:

Die Teile der Linguistik, welche sich mit den Prinzipien für den Entwurf von Sprachen befassen oder die sich mit der sprachlichen Übermittlung und der Transformation (Übersetzung) sprachlicher Äußerungen beschäftigen, gehören zu den Grundlagen der Informationswissenschaften.

Die Teile der Linguistik, welche den Entwurf von Informationssystemen unterstützen, sind wesentliche Grundlagen der Informationswissenschaften.

    Kommentar: Ergänzend hierzu soll angemerkt werden, daß linguistische Fragen überall da eine Rolle spielen, wo es um die Verarbeitung von Sprache zum Zwecke des Information Retrievals geht, also überall da, wo Textdokumente analysiert, abstrahiert, indexiert, übersetzt etc. werden, um in Datensammlungen integriert zu werden, wobei die Ergebnisse der genannten Vorgänge später zur Wiederauffindung der Dokumente dienen. Dies bedeutet, daß eine wie immer geartete sprachliche Schulung von Informationswissenschaftlern unabdingbar ist.

    (vgl. Text zu Informationslinguistik)

Informationstheorie

These 15:

Die Informationstheorie ist eine spezielle Theorie der Übermittlung von Signalen über verrauschte Kanäle mit beschränkten Kapazitäten, die geeignete Kodierung von Signalen und die Messung eines strukturellen Informationsgehaltes von Nachrichten als Signalfolgen. Sie ist eine der Grundlagenwissenschaften, da sie einen Aspekt vertritt, unter dem man Informationsprozesse betrachten kann.

Die Informationstheorie ist indessen nicht mit der Theorie der Information zu verwechseln. Dafür gibt es viele Gründe. So muß eine Theorie der Information, wie sie den Informationswissenschaften zugrundeliegt, auch die Kosten und Nutzen von Nachrichten berücksichtigen, sowie auf den „inneren Zustand“ von Sender und Empfänger in viel komplizierterer Weise Bezug nehmen als es in dem System der Informationstheorie möglich ist.

Publizistik

These 16:

Zum jetzigen Zeitpunkt soll es offen bleiben, wie weit die Publizistik als Wissenschaft von den Medien der Massenkommunikation, d.h. ihres Entwurfes, Betriebes und der Produktion von Nachrichten, in die Informationswissenschaften einbezogen werden sollte.

Informationssysteme wie Zeitungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen, … oder wirtschaftliche Nachrichtendienste sollten nicht grundsätzlich von den Informationswissenschaften ausgeschlossen werden, zumal sich in Zukunft mancherlei Mischformen von Informationssystemen erwarten lassen, welche z.B. die Massenmedien mit traditionellen wissenschaftlichen Informationssystemen verknüpfen.

    Kommentar: Heute ist es durchaus üblich, eine Verbindung zwischen Publizistik und den Informationswissenschaften zu ziehen. In Saarbrücken gibt es hierzu den Schwerpunkt „Publikumsinformation“ (Wissens- und Meinungstransfer an „viele“, bzw. an eine breite Öffentlichkeit).

Was die „Mischformen“ angeht, so hat sich Kunz/Rittels Vermutung bestätigt. Man denke nur an die WWW-Präsenz von Zeitungen und Zeitschriften, die in ganz erheblichem Maße auf informationswissenschaftliche Methoden und Techniken (Indexierung, Klassifizierung) und auf andere Aspekte elektronischer Informationssysteme zurückgreift.

3. Der Ansatz der Informationswissenschaften

3.1 Gegenstände der Informationswissenschaften

These 17:

Die Gegenstände der Informationswissenschaften sind Informationsprozesse; ebenso die Einrichtungen, welche Informationsprozesse ermöglichen, auslösen und unterstützen sollen. Diese Einrichtungen werden Informationssysteme genannt.

Mit dieser Begriffsbestimmung wird dem „Gut“ Information der absolute, quasi-objektive Charakter genommen, wie er den informationstheoretischen Konstruktionen zugrundeliegt. Denn Informationsprozesse involvieren Personen, und es hängt vom Zustand dieser Personen ab, ob eine Rezeption von Signalen einen Informationsprozeß auslöst.

These 18:

Die Informationswissenschaften beschränken sich auf die Informationsprozesse, welche sich auf das Problemlösungsverhalten von Akteuren beziehen.

      Der Informationswissenschaftler zerbricht sich von Berufs wegen anderer Leute Kopf

Wenn hier von Akteuren die Rede ist, heißt das Personen, die eine Absicht verfolgen oder mit einem Problem konfrontiert sind. Da nicht jeder ständig Akteur ist, ist er auch nicht ständig an Informationsprozessen beteiligt, und folglich beanspruchen die Informationswissenschaften nicht, sich schlechthin mit allem menschlichen Kommunikationsverhalten zu beschäftigen. Ausgeschlossen werden dadurch z.B. alle jene Vorgänge, welche Unterhaltung und Erbauung ohne spezielle Aktionsabsicht auf seiten des Rezipienten bewirken.

    Kommentar: So gesehen befassen sich die Informationswissenschaften nicht mit „Surfern“ im WWW, die sich nur „zerstreuen“ wollen. Eine strenge Unterscheidung der WWW-Nutzer in Surfer und Informationssuchende ist aber wohl nicht möglich, da zumindest auch am Anfang einer „Surfari“ ein Suchvorgang steht.

3.2 Information als Wissensänderung

These 19:

Ein Informationsprozeß ist ein Vorgang, welcher das Wissen eines Akteurs verändert.

Hierin liegt die Möglichkeit, gleichzeitig die Subjektivität der Information und das Phänomen des häufigen Erfolges der Kommunikation zu erfassen. Denn ein Informationsprozeß findet nur statt relativ zum „subjektiven“ Wissen eines Akteurs in einer problematischen Situation, andererseits beruht Kommunikation auf geteiltem Wissen der Partner. Daraus ergibt sich die nächste These:

These 20:

Die theoretische Basis der Informationswissenschaften ist das jeweilige Modell vom Wissen und seinen Veränderungen

Die zentrale methodische Schwierigkeit beim Entwurf von Informationssystemen ist die Ergründung der Wissensbasen und der Absichten derjenigen, welchen ein Informationssystem dienen soll. Die Informationswissenschaften sind auf wirksame Kommunikation mit denen angewiesen, für die ihre Resultate nützlich sein sollen.

Wenn man als Informationsprozeß jeden Vorgang definiert, welcher „zur Veränderung von jemandes Wissen“ führt, wird damit nicht behauptet, daß diese Veränderung immer eine Beseitigung von Unsicherheit oder eine Bestätigung des schon Gewußten bedeuten muß. Ein Informationsprozeß kann auch eine Verunsicherung zur Folge haben (man wird weniger sicher, daß etwas bislang Gewußtes zutrifft).

Damit ergeben sich einige grundlegende Fragen zur Methode der Informationsforschung und zum Entwurf von Informationssystemen. Sie beziehen sich auf die Bestimmung dessen, was als Wissen bezeichnet wird. Im Einzelnen sieht sich der Informationswissenschaftler in seiner Arbeit fortgesetzt der Schwierigkeit gegenüber, festzustellen/abzuschätzen

  • was jemand weiß
  • ob sich jemandes Wissen verändert hat, d.h. ob Information stattgefunden hat
  • ob eine Nachricht beim Empfänger die beabsichtigte Information (also Wissensänderung) hervorgerufen hat
  • was für einen Empfänger relevant ist, d.h. zu ihrer Problemlösung beiträgt.

3.3 Ein Modell des Wissens

Um die Formulierung, daß Informationsprozesse „Wissensänderungsprozesse“ sind, mit einem Inhalt zu füllen, braucht man ein Modell dessen, was als Wissen verstanden werden soll. Von einem solchem Modell ist zu fordern:

  • es ist explizit beschrieben, d.h. gibt kommunizierbare Kategorien an, welche es erlauben, Wissen von anderen Entitäten zu unterscheiden
  • es beschreibt alles Wissen, d.h. es darf kein Wissen geben, das nicht in das Modell paßt
  • es beschreibt nur Wissen; nichts ist als Wissen verzeichnet, das kein Wissen ist
  • es ist strukturell, d.h. postuliert Aussagen über Wissen, die unabhängig vom speziellen Gegenstand oder Inhalt des Wissens sind
  • es beschreibt die Dynamik des Wissens.

Hierzu wird ein einfaches Modell entwickelt:

Postulate:

Wissen ist immer jemandes Wissen.

Wer handelt braucht 4 Arten von Wissen:

  • von dem, was der Fall ist (faktisches Wissen)
  • von dem, was der Fall sein sollte oder werden sollte (deontisches Wissen)
  • wie das, was der Fall ist, verändert werden kann (instrumentelles Wissen)
  • darüber, was, wann immer etwas der Fall ist oder der Fall werden wird, die Folge sein wird (oder: als Folge erwartet werden kann) und aus welchem Gründen (erklärendes Wissen)

Analog dazu kann jemandes Wissen als Menge von Sätzen beschrieben werden:

  • X ist der Fall
  • X soll der Fall sein
  • Aktion X produziert Y, wenn Z
  • Wenn X der Fall ist, wird Y die Folge sein

Ausdrücke dieser Form heißen „Wissenselemente“ (vom Akteur A zur Zeit t), wenn sie einen von A zur Zeit t gewußten Sachverhalt repräsentieren

Es wird nicht gefordert, daß alle Elemente seines Wissens von A erschöpfend aufgelistet werden können.

Jede Wissensänderung, also jede Änderung der Menge W (A,t), welche das Wissen von A zur Zeit t repräsentiert, kann bewußt oder unbewußt sein. Die Informationswissenschaften beschäftigen sich mit den bewußten, von außen verursachten Wissensänderungen

Auch die Erzeugung von Problemen kann das Resultat von Informationsprozessen sein

  • A kann aufgrund von außen empfangener Nachrichten realisieren, daß eine Ist-Soll-Diskrepanz existiert, gegen die er etwas tun sollte.

Die Situation des Informationssuchenden ist wichtig

  • Die Situation des Akteurs A ist die Teilmenge seines Wissens, welche soeben aktualisiert ist. Sie ist As Bild von dem, was gerade der Fall ist, was zu erwarten ist, was der Fall sein sollte und welche Aktionen soeben relevant sind.

These 21 faßt die Postulate zusammen:

These 21:

Ein Modell des Wissens, wie es als Grundlage für die Informationswissenschaften benutzt werden kann, beschreibt das Wissen eines Akteurs als Menge von Wissenselementen, die je als Aussagen faktischer, deontischer, instrumenteller oder erklärender Natur dargestellt werden können. Das jeweilige Situationsverständnis des Akteurs ist eine Teilmenge hiervon; es ist problematisch, wenn die in ihr enthaltenen Elemente nicht miteinander vereinbar sind. Informationsprozesse führen zur Veränderung dieser Menge von Wissenselementen. Die Informationswissenschaften beschränken sich auf Informationsprozesse in problematischen Situationen.

Auf der Grundlage dieses Modells der Objekte der Informationswissenschaften – der Informationsprozesse – lassen sich die Eigenarten ihrer Produkte – der Informationssysteme – entwickeln.

4. Informationssysteme

4.1 Problematik von Informationssystemen

Der Entwurf von Informationssystemen läuft darauf hinaus, Vorsorge für eine Klasse von problematischen Situationen zu treffen, in der sich ein Akteur oder eine Klasse von Akteuren ihrer Erwartung nach befinden wird. Informationssysteme sind also immer für Klassen von problematischen Situationen und für Klassen von Akteuren angelegt. Hier liegt ein grundsätzliches Dilemma: Jedes Problem ist einzig , gleichzeitig aber ist jedes System für Klassen von Problemen entworfen. Hieraus kann man folgern, daß kein Informationssystem zureichende Information für die Lösung irgendeines Problems liefern kann. Je neuartiger, wesentlicher und schwieriger ein Problem, umso weniger wahrscheinlich ist es, daß eine Lösung durch ein Informationssystem geliefert werden kann.
(vgl. Aspekte von Nutzung und Entwicklung bzw. Komponenten von Informationssystemen)

4.2 Eigenschaften von Informationssystemen

  • Informationssysteme sind Einrichtungen, welche die äußere Information eines Benutzers (oder einer Klasse von Benutzern) im Hinblick auf eine Klasse seiner (ihrer) Probleme ermöglichen und unterstützen sollen.
  • Jedes Informationssystem ist jemandes Informationssystem.
  • Ein System ist ein Informationssystem, weil es zur Information beitragen soll, und nicht, weil es Information erzeugt oder enthält. Gespeichert oder erzeugt werden nur Daten, die in einer gegebenen problematischen Situation zur Information eines Benutzers führen können.
  • Zu einem Informationssystem gehört nur, was zur äußeren Information beitragen soll, d.h. was nicht als intern erzeugt realisiert wird (wie Einfälle, Umdenkoperationen isw.). Das schließt nicht aus, daß Informationssysteme interne Wissensveränderungsvorgänge auslösen können.
  • Ein Informationssystem ist nicht nur auf eine Klasse von Akteuren angelegt, sondern auch im Hinblick auf eine Klasse von Problemen, deren Lösung es unterstützen soll.
  • Jedes Informationssystem ist wesentlich einzig.

4.3 Typologie von Informationssystemen

Die Informationsforschung sollte strukturelle Ähnlichkeitstypen von Informationssystemen differenzieren und die Bausteine definieren, aus welchen alle Informationssysteme „strukturell“, d.h. ohne Bezug auf spezielle Inhalte, zusammengesetzt werden können. Dies erscheint deshalb plausibel, weil Inhaltsähnlichkeit bzw. Zweckähnlichkeit keineswegs Strukturgleichheit impliziert. Eine deutsche juristische Datenbank kann von einer amerikanischen sehr verschieden sein, weil die Rechtssysteme sehr unterschiedlich sind: in Deutschland liegt ein weitgehend kodifiziertes Rechtssystem vor, wohingegen in den USA die Rechtsprechung vor allem auf Urteilen in Präzedenzfällen beruht (case law). So gesehen wäre das amerikanische System einem Informationssystem für Krankengeschichten ähnlicher als einer deutschen juristischen Datenbank.

Weil aber jedes Informationssystem „wesentlich“ einzig ist, kann man auch gegen das Struktur-Prinzip Einwände erheben, weil die Spezifika jedes einzelnen Falles sich von allen anderen – strukturell ähnlichen – unterscheiden können. Dokumentationssysteme für Raumfahrttechnik in den USA bzw. in Rußland werden u.U. sehr verschieden voneinander sein, Unterschiedliche Bedingungen der Zugangsregelung, der Urheberrechte, der Forschungspraxis und der Kostenrechnung können zu strukturellen Unterschieden führen, welche einflußreicher sind als die Gemeinsamkeiten der Systeme.
Jedwede Klassifikation der Informationssysteme kann nur sehr vorläufig und unvollständig sein. Daher skizzieren Kunz/Rittel nur einige Prototypen.

  • Forschungsinformationssysteme haben den Zweck, Wissenschaftler bei ihrer Arbeit zu unterstützen (Subsysteme: Dokumentation des state-of-the-art, Erzeugung von Primärdaten durch Messungen und Erhebungen, Informationshilfen von Kollegen)
  • Technologische Informationssysteme sollen instrumentelles Wissen vermitteln. An solche Systeme werden auch faktische und erklärungssuchende Fragen gerichtet.
  • Management-Informationssysteme dienen dazu, eine Organisation zu steuern und zu leiten.
  • Planungsinformationssysteme sollen bei der Herstellung von Plänen unterstützen. Pläne sind halbgeordnete Mengen von zukünftigen Aktionen, welche den zukünftigen Zustand eines Objektsystems herbeiführen sollen.
  • Administrative Informationssysteme sollen Entscheidungen unterstützen, welche „von oben “ eingegebene Regeln und Bestimmungen auf spezielle Fälle anwenden.
  • Politische Informationssysteme dienen je nach der Rolle der Benutzer der Legislative, der Exekutive, Interessengruppen, der Öffentlichkeit oder einzelnen Akteuren.
  • Monitorsysteme sollen den Output eines Entscheidungssystems mit dem Verhalten des von dem Entscheidungssystem gesteuerten Operatorensystems vergleichen.
  • Informations-Service-Systeme bieten Datenerzeugungs-, Übermittlungs-, Speicherungs-, Verarbeitungs- und Abruf-Dienste an. Es sind quasi technische Versorgungseinrichtungen analog zum Telefon, der Gas- und Wasserversorgung. Sie können auch Informationsinhalte anbieten (Kreditinformationen, Patentinformationen, Wetterlage).

4.4 Schlußfolgerungen

These 22:

Es gibt eine große Anzahl strukturell verschiedener Informationssysteme. Das Entstehen vieler weiterer Arten ist zu erwarten. Das Spektrum dieser Systeme gehört zum Gegenstandsbereich der Informationswissenschaften.

5. Probleme der Informationswissenschaften

5.1 Tätigkeitsarten

These 25:

Die Aufgaben von Informationswissenschaftlern sind die Forschung und Entwicklung, der Entwurf und der Betrieb von Informationssystemen, ihrer Teile und Prozesse

Im Einzelnen gibt es Probleme

  • der Informationsforschung: sie beziehen sich auf die Gewinnung allgemeiner Sätze über Informationsprozesse und Informationssysteme
  • der Entwicklung von Informationstechniken: sie beziehen sich auf Fragen der Informatik
  • des Entwurfs spezifischer Informationssysteme (z.B.: wie sollte das Informationssystem für das Patentamt, für das Forschungsinstitut X aussehen? usw.)
  • des Betriebs bestehender Informationssysteme (z.B.: Akquisitionsstrategie für die Universitätsbibliothek Y, Änderung der Organisation des Aktenplans der Behörde Z etc.)
  • der Ausbildung und des Trainings von Informationsforschern, -ingenieuren, -operateuren und -managern, aber auch der Benutzer und Zubringer von Informationssystemen

5.2 Aspekte

Die folgende Einteilung bietet ein Bezugssystem für die Beschreibung der bisherigen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte, die Identifizierung von Forschungslücken und die Organisation der Ausbildung in den Informationswissenschaften.

These 26:

Die Aspekte, unter denen die Informationswissenschaften betrieben werden, gliedern sich in die folgenden Gebiete:

Theorien und Methoden der Informationswissenschaften
Was sind die Informationswissenschaften? Was sind die Grundlagen der Informationswissenschaften? Was ist Information, was ist Relevanz? Was sind Informationsprozesse? Informationswissenschaften und Systemtheorie Terminologie der Informationswissenschaften Planungs- und Entwurfsmethoden Methoden für die Analyse von Informationsprozessen Inwiefern wird eine Entscheidungssituation durch ein Informationssystem verbessert?

Informationsprozesse
Der Mensch als informationsverarbeitendes System Zeichensysteme Lernprozesse Künstliche Intelligenz Problemlösen Interpersonelle Kommunikation Benutzererwartungen, -bedürfnisse, Suchverhalten Informationsverwendung: Wer benutzt was, wie, wozu? Über welche Kanäle fließt Information? Wer zitiert wen und was?

Darstellung und Transformation von Informationen
Datenanalyse und -identifikation (Automatische) Sprachanalyse Inhaltsanalyse Psycholinguistik Datenverdichtung Klassifikation Indexierung Katalogisierung Automatisches Übersetzen Speicherorganisation Retrieval Frage-Antwort-Systeme Datenverteilung Mustererkennung

Technologie der Informationssysteme
Prinzipien und Konzepte der Auslegung von Informationssystemen Software-Technologien, wie Organisationsprinzipien und Programmierungstechniken Hardware-Technologien (technische Hilfsmittel und Vorrichtungen als Komponenten von Informationssystemen)

Informationspolitik und -recht
Die gesellschaftliche Rolle der Information und der Informationssysteme: politische und soziale Auswirkungen Gefährdung der Grundrechte der Bürger durch die Entwicklung der Informationstechnologie? Informationspolitik des Staates Informationsbeschaffung durch die Regierungen Interpretation des Copyrights Sicherung gegen Mißbrauch Schutz der Privatsphäre

Organisations- und Betriebslehre der Informationssysteme
Betriebs- und Verwaltungstheorie Methoden der Bewertung von Systemen Methoden der Planung Entwicklung von Standards Statistik von Benutzerbedürfnissen, Informationsflüssen und Kosten

Informationspädagogik
Training der Benutzer und der Systembetreiber, Ausbildung von Informationsmanagern