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Studium Informationswissenschaft

Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

7. Der Gegenstand der Informationswissenschaft

Informationssysteme: Systeme für die Mensch-Mensch-Kommunikation

Heinz-Dirk Luckhardt

INHALT

Einführung: die Mensch-Mensch-Kommunikation

Die Probleme im Einzelnen

Zweck dieser Darstellung

Beispiel: Das WWW als hypermediales Informationssystem

                                 

Die Mensch-Computer-Interaktion
ist nicht das eigentliche Ziel
der Informationsgesellschaft

 

Im sogenannten „Informationszeitalter“ mutet die Eingangsthese auf den ersten Blick ketzerisch an, auf den zweiten Blick jedoch offenbart sie sich als Binsenweisheit. Wenn wir uns nämlich in der Informationswissenschaft mit Informationssystemen beschäftigen, tun wir das schon immer in dem Bewusstsein, dass es bei allen Arten von Informationssystemen letztendlich nicht um die Interaktion des Menschen mit dem Computer, sondern um den Wissenstransfer zwischen Menschen, also um die Mensch-Mensch-Kommunikation geht. „Informationsgesellschaft“ lässt sich nicht auf „Informationstechnik“ reduzieren, Informationstechnik ist nur ein Hilfsmittel für den Wissenstransfer zwischen Menschen, denn solange es keine Wissensproduktion durch Computer gibt, geht Wissen immer nur vom Menschen aus.

Welche Hilfsmittel und Methoden bei der Mensch-Mensch-Kommunikation eingesetzt werden, um Wissen zwischen Menschen zu transferieren, und auf welchen Grundlagen diese Transferprozesse beruhen, ist im weitesten Sinne Interessensgebiet der Informationswissenschaft. Der Wissenstransfer kann z.B. ablaufen

  • direkt vom Menschen als Wissensträger zum Informationssuchenden
  • von einer Wissensbasis, also einer beliebigen Sammlung von Wissen, über einen Menschen als Informationsvermittler zum Informationssuchenden
  • von einer Wissensbasis über die Systemschnittstelle direkt zum Informationssuchenden

Um ein den Wissenstransfer möglichst gut unterstützendes Informationssystem modellieren zu können, soll zunächst überlegt werden, wie der „ideale“ Wissenstransfer aussehen könnte. Der ideale Fall könnte sein, dass ein Informationssuchender

  • mit dem Wissensträger direkt kommuniziert (sprachlich, visuell…);
  • über den selben kulturellen, sprachlichen, gesellschaftlichen … Hintergrund und zumindest einen „ähnlichen“ Wissensstand wie der Wissensträger verfügt; denn je größer der „Abstand“ zwischen den Kommunikationspartnern, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich verstehen;
  • ihn in der eigenen Sprache befragen kann;
  • eine verständliche, eindeutige, für die eigene Situation verwendbare, korrekte, verlässliche Information erhält;
  • die Information kostenlos bekommt.

Jeder Punkt, jeder Unterpunkt, der nicht erfüllt ist, trägt zur Problematik von Informationssystemen bei, und bei vielen Informationssystemen ist keine einzige der Forderungen erfüllt.

Die Probleme im Einzelnen:

  • Wissen ist – wie auch immer – in Wissensbasen gespeichert. Den Generalisten, der alles weiss, gibt es nicht, auch nicht die Wissensbasis, die alles Wissen der Welt enthält. Im Gegenteil: Wissensbasen sind i.d.R. unvollständig, auch das Worldwide Web, die derzeit wahrscheinlich umfassendste Wissensbasis. Ausnahmen bestätigen die Regel, sie sind am ehesten im Bereich der Fachinformation zu suchen, wo große Anstrengungen unternommen werden, um jeweils einen Wissensbereich komplett abzubilden (Beispiel: Patentdatenbanken, die alle erteilten Patente in ihrem Bereich enthalten, oder das maschinelle Übersetzungssystem TAUM-METEO, mit dessen Hilfe seit 1977 das Wissen über das Wetter in Kanada komplett in Englisch und Französisch abgebildet wird ).

  • Nur in wenigen Anwendungen ist es möglich, mit dem Wissensträger (dem Informationssystem) direkt, d.h. über (in ganzen Sätzen) verbal formulierte Anfragen zu kommunizieren. Auch hier gibt es „Mikrokosmen“, für die solche Anwendungen realisiert wurden. So können z.B. innerhalb des Systems VERBMOBIL (http://verbmobil.dfki.de/Vm.Info.Phase2.html ) zwei Kommunikationspartner über die VERBMOBIL-Schnittstelle in verschiedenen Sprachen miteinander verhandeln.

  • Informationssysteme „wissen“ wenig über den Wissensstand der Informationssuchenden, die sie „befragen“; ansatzweise wird solches Wissen in „Benutzermodellen“ oder auf personalisierbaren Webseiten erfasst. Diese Anforderung ist wichtig, damit die übermittelten Wissenseinheiten so formuliert werden, dass sie der Informationssuchende direkt mit seinem Wissensvorrat vergleichen und einordnen kann. Die Problematik wird deutlich, wenn man überlegt, wie schwierig es für einen Experten im Gespräch mit einem Laien sein kann, eine Antwort so zu formulieren, dass der Gesprächspartner etwas damit anfangen kann.

  • Der gesellschaftliche, intellektuelle, kulturelle, sprachliche etc. Hintergrund des Informationssuchenden wird in keinem Informationssystem berücksichtigt.

  • Es gibt kaum Informationssysteme, die die Informationssuchenden in nennenswerter Weise (einzel- bzw. mehr)sprachlich, d.h. auch bei der Formulierung seiner (An-)Fragen, unterstützen.

  • Besonders schwerwiegende Defizite von Informationssystemen sind die mangelnde Verständlichkeit, Eindeutigkeit, Verwendbarkeit, Korrektheit, Vollständigkeit, Verlässlichkeit von Informationen.

  • Informationen kosten Geld, müssen Geld kosten, wenn die oben genannten Probleme bewältigt werden sollen. Dies lässt sich besonders gut anhand eines Vergleichs des Worldwide Web mit den (kostenpflichtigen) Informationssystemen der Fachinformation oder allgemeiner den Produkten des traditionellen (elektronischen) Publizierens zeigen, bei dem letztere aufgrund des großen intellektuellen Aufwands besonders in puncto Korrektheit, Verlässlichkeit und Vollständigkeit sicher besser abschneiden.

  • Bislang ist noch gar nicht explizit von Informationstechnik die Rede gewesen: ihre Beherrschung ist bisher immer ein Problem für einen hohen Prozentsatz der Informationssuchenden gewesen.

Das war eine zugespitzte Darstellung (insb. der letzte Absatz) des Nutzens von Informationssystemen, der natürlich pointierter gesehen werden muss. Ohne die moderne Informationstechnik ist sicher nicht vorstellbar, dass sich die Informationsgesellschaft zu einer gesellschaftlichen Form entwickelt, die allen Menschen eine gemeinsam nutzbare und wirklich nützliche Existenzbasis bietet.

Die Darstellung hatte den Zweck

  • zu zeigen, dass „Informationsgesellschaft“ nicht auf „Informationstechnik“ reduziert werden sollte; IT ist ein wichtiges Hilfsmittel, mehr nicht; Informatik ist bei der Entwicklung von Informationssystemen in diesem Sinne eine Hilfswissenschaft;

  • darzustellen, welche Gesichtspunkte es bei der Entwicklung von Informationssystemen zu berücksichtigen gilt;

  • mögliche Tätigkeitsbereiche von Informationswissenschaftlern als „Informationsarchitekten“ zu umreißen, denn dass ein Informationswissenschaftler nicht alle Probleme lösen kann, die die Entwicklung eines Informationsssystems mit sich bringt, dürfte aus der obigen Darstellung klar sein. Seine Tätigkeit ist i.d.R. die eines Informationsarchitekten, der ein System entwirft und – unter Einsatz von Know-how aus anderen Disziplinen – realisiert;

  • Forschungsbedarf offen zu legen;

  • einen Rahmen für die Einordnung der in der Informationswissenschaft interessierenden Themen abzugeben.

Beispiel: Das WWW als hypermediales Informationssystem

Abschließend soll am Beispiel eines konkreten Informationssystems – nämlich des WWW – ein Vergleich mit dem oben dargestellten idealen Fall angestellt werden.

1. …mit dem Wissensträger direkt kommuniziert (sprachlich, visuell…)…

Abgesehen davon, dass es webbasierte Videokonferenzen, also Kommunikation zwischen Benutzern des WWW gibt, ist der Web-User weit davon entfernt, „direkt“ mit dem WWW bzw. den vielen verschiedenen Informationssystemen, die das WWW ja darstellt, kommunizieren zu können. Üblicherweise geht die Kommunikation über die von den Browsern bzw. den Suchmaschinen etc. angebotenen Formulare, die die Eingabe von Webadressen, Suchwörtern etc. erlauben.

Zuweilen wird die Eingabe von Fragen in Satzform erlaubt (z.B. unter http://www.askjeeves.com/ ), wobei aber auch hier nur die sinntragenden Wörter herausgezogen werden und „Jeeves“ weit davon entfernt ist, die Fragen wirklich zu „verstehen“. In einem wissensbasierten System würde dazu gehören, dass die Anfrage durch einen Parser analysiert und in eine Form gebracht wird, die einen Abgleich mit dem gespeicherten („repräsentierten“) Wissen (Wissensbasis) erlaubt; wird eine zu der Frage passende Wissenseinheit als Antwort gefunden, wird diese durch einen Sprachgenerator aus der internen Repräsentation in einen natürlichsprachigen Satz transformiert, den der Anfragende versteht. Da das Wissen im WWW aber nur durch Volltexte bzw. in gewissem Maße durch Metatags repräsentiert ist und nicht durch „Wissensrepräsentationen“ im Sinne der künstlichen Intelligenz, ist es wenig sinnvoll, die Anfragen tiefgehend zu analysieren.

2. …über den selben kulturellen, sprachlichen, gesellschaftlichen … Hintergrund und einen „ähnlichen“ Wissensstand wie der Wissensträger verfügt …

Spätestens hier wird deutlich, dass das WWW ein sehr heterogenes System ist, dessen Teilsysteme sich sehr unterschiedlich verhalten. Diese Teilsysteme lassen sich natürlich darauf untersuchen, wie sehr sie dem angestrebten „Ideal“ entsprechen, d.h. hier: inwiefern sie den Hintergrund der Web-User berücksichtigen, indem sie z.B. Benutzern aus anderen Kulturkreisen über etwaige Verständnisschwellen helfen. Da es noch wenig Möglichkeiten gibt, den Zugang zu Informationssystemen zu individualisieren, d.h. auf eine einzelne Person abzustimmen, sollte es Funktionen geben, die die Nutzbarkeit eines Systems (das als solches für alle Benutzer im wesentlichen gleich bleibt) auch für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen bzw. Kenntnissen sicherstellen, etwa durch Hilfesysteme, zusätzliche Informationen, Guided Tours (Einführungen), Informationspakete für unterschiedliche Zielgruppen, unterschiedliche Einstiegswege etc., also Funktionen, die schon seit langem für Hypertextsysteme entwickelt werden.

3. …ihn in der eigenen Sprache befragen kann…

Dieses Problem fällt in die Forschungsgebiete „Natural Language Interfaces“ und „Maschinelle Übersetzung“, die beide noch unzureichende Ergebnisse gebracht haben.

4. …eine verständliche, eindeutige, für die eigene Situation verwendbare, korrekte, verlässliche Information erhält…

Hier sind einige Qualitätskriterien angesprochen, die ganz allgemein für die Evaluation von Informationssystemen herangezogen werden können: Verständlichkeit, Eindeutigkeit, Verwendbarkeit, Korrektheit, Verlässlichkeit ….. Sie helfen auch bei WWW-Angeboten, die Spreu vom Weizen zu unterscheiden.

5. …die Information kostenlos bekommt…

Ein sehr großer Teil des Webs ist (noch) kostenlos verfügbar. Es ist aber nicht abzusehen, wie lange das noch so bleiben wird. Wenn man sieht, welcher Aufwand von Online-Datenbank-Anbietern getrieben werden muss, um auf Dauer verlässliche, umfassende Informationen zu erarbeiten und zu präsentieren, kann man erahnen, dass auch im Web hochqualitative Information in absehbarer Zeit Geld kosten wird.