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Studium Informationswissenschaft

Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

7. Der Gegenstand der Informationswissenschaft

Informationssysteme: Aspekte von Entwicklung und Nutzung, Systemkomponenten

Heinz-Dirk Luckhardt

Die Beschäftigung mit Informationssystemen ist ein zentrales Anliegen der Informationswissenschaft. Im strengen informationswissenschaftlichen Sinne ist ein Informationssystem jedes beliebige System, das den Menschen beim Prozeß des Wissenstransfers unterstützt. Konkurrierende Definitionen sind aus der Informatik, der Betriebswirtschaftslehre und anderen Bereichen bekannt, sollen hier aber nicht diskutiert werden.

Informationssysteme sind für die Informationswissenschaft in zweierlei Hinsicht interessant: von der Produktions- bzw. Inputseite her (aus „Anwender“sicht) und von der Seite des Informationsprozesses her (aus „Benutzer“sicht, vgl. dazu das Kapitel Nutzungs- und Bedarfsanalyse ).

Informationssysteme - Komponenten

Dazu eine Graphik mit einem Gesamtüberblick über alle Komponenten, eine abgewandelte Version der Darstellung in: K.-H. Meyer-Uhlenried (1980): Der Dokumentationsprozeß und seine Gliederung. In: Laisiepen/Lutterbeck/Meyer-Uhlenried S. 113.

Auf der Inputseite geht es also um „Daten“:

Dateninput : Welche Arten von Daten kommen infrage? In welcher Form liegen sie vor? Wie entstehen sie? Aus welchen Quellen kommen sie? Stichwörter: Textverarbeitung(snormen), Desktop Publishing, Hypertext, Hypermedia

Datenbeschaffung: Typische Daten“beschaffer“ sind Dokumentationsstellen, die Daten sammeln und für die Eingabe in Datenbanken aufbereiten.

Datenerfassung: Der erste Schritt der Datenaufbereitung ist die formale Analyse und Erfassung von Daten nach einem vorgegebenen Schema (Formular).

Datenerschließung: Eine weitere wichtige Voraussetzung für die „Wiederauffindbarkeit“ von Daten ist ihre inhaltliche Erschließung. Die wichtigsten Stichwörter hier sind (automatische) Indexierung , Dokumentationssprachen: Klassifikation und Thesaurus, (automatische) Übersetzung , Wissensrepräsentation.

So aufbereitet werden Daten in Datenbanken eingegeben. Hier tut sich das weite Feld des Elektronischen Publizierens auf, in dem die verschiedensten Medien, Publikationsformen, Verbreitungsformen, Datenbanktypen, Inhalte und Zielgruppen eine Rolle spielen. Man kann z.B. grob unterscheiden zwischen elektronischen (CD-ROM, Disketten, Rechnernetze) und nichtelektronischen Medien (Papier, Mikroformen, Tonträger). Bei den elektronischen Medien sind zu nennen die online-Medien und die offline-Medien: erstere bedingen eine Telekommunkationsverbindung vom eigenen Rechner nach „außen“ (online-Datenbanken), letztere nicht (CD-ROM). Bei den online-Datenbanken gibt es solche mit bibliographischen Daten (Referenz-, Literaturdatenbanken ohne Volltexte), mit Volltexten oder mit (statistischen) Fakten. Bei den Zielgruppen unterscheiden wir zwischen denen, die Fachinformation suchen und dabei vorwiegend in online-Datenbanken, Bibliotheken oder CD-ROMs recherchieren, und dem Rest der Informationssuchenden, die eher nicht in online-Datenbanken suchen, sondern im Worldwide Web, in Bibliotheken oder auf CD-ROMs.

Soweit die Input-Seite. Der zweite Interessensbereich der Informationswissenschaft ist der Informationsprozess, der alle Komponenten und Teilprozesse umfaßt, die mit dem Wissenstransfer von der Datensammlung zum Informationssuchenden zu tun haben.

Dies sind (ohne daß dies eine Reihenfolge in einem vorausbestimmten Systemablauf bedeuten würde): Information Retrieval, Electronic Document Delivery, Überwindung von Sprachbarrieren, Informationspräsentation, Benutzungsschnittstelle. Auch sind dies keine isolierten Bausteine auf der Seite des Informationsprozesses, vielmehr stehen sie in engem Zusammenhang mit dem Dateninput, wie wir noch sehen werden.

Einer der zentralen Begriffe der Informationswissenschaft überhaupt ist das Information Retrieval (Informationswiedergewinnung). Darunter versteht man den eigentlichen Kernprozeß, bei dem aus Wissen (Daten) Information wird, wenn nämlich ein Benutzer eine Information erhält, die ihm bei der Lösung eines Problems hilft. Das kann durchaus ein komplexer Prozeß sein, je nachdem wie detailliert die Daten inhaltlich aufbereitet (siehe oben) und für den Retrievalprozeß vorbereitet wurden. Je komplexer die Möglichkeit, eine Anfrage an eine Datensammlung zu formulieren, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß man die gesuchte Information auch „trifft“. Für die Suche in online-Datenbanken gibt es komplizierte Anfragesprachen, die eine genaue Suche erlauben. Die Suchmaschinen im Worldwide Web ermöglichen dies noch nicht, so daß keine sehr detaillierte Suche möglich ist (siehe auch Das WWW als Informationsmedium ).

Das Electronic Document Delivery umfaßt Vorgänge, die die (elektronische) Übermittlung digitalisierter Daten betreffen.

Die letzten drei Bereiche befassen sich mit den Möglichkeiten der Überwindung von Zugangsbarrieren für Benutzer: Überwindung von Sprachbarrieren, Informationspräsentation, Benutzungsschnittstellen.

Sprachbarrieren können entweder hier auf der Seite des Informationsprozesses oder schon auf der Seite des Dateninputs beseitigt werden, indem man z.B. schon während der Datenaufbereitung Textdaten (automatisch) übersetzt und die Übersetzung dem Dokument beifügt oder indem man translation-on-demand anbietet, die Übersetzung der in einer Textsammlung gefundenen noch nicht übersetzten Informationen. Andere Möglichkeiten sind die multilinguale Indexierung (d.h. die Vergabe von dokumentbeschreibenden Deskriptoren in mehreren Sprachen) oder die Übersetzung einer in der Muttersprache eingegebenen Suchanfrage an eine Datenbank in die Sprache der Datenbank.

Informationspräsentation: Gefundene Informationen sollten dem Benutzer nach Möglichkeit in einer ansprechenden Weise dargeboten werden und mit Mitteln, wie sie die Bereiche Hyper- und Multimedia reichlich zur Verfügung stellen. .

Ein weites Gebiet ist auch die Aufbereitung einer attraktiven, bequemen und effizienten Benutzungsschnittstelle zum Informationssystem. Hierzu gehören das Bildschirmdesign, die Benutzerführung, natürlichsprachliche Schnittstellen, Expertensysteme etc.

Zusammenfassend müssen bei der Nutzung eines Informationssystems dem Nutzer auf dem Wege zur Information folgende Fragen beantwortet bzw. Probleme gelöst werden (bzw. muß der Nutzer diese Fragen selbst beantworten können):

  • Wie benutze ich das Informationssystem?
  • Ist die Präsentation der Information angemessen?
  • Ist der Zugang in meiner Sprache möglich?
  • Finde ich die gewünschte Information?
  • Wie/wo finde ich die gesuchten Dokumente?
  • Wie erhalte ich die gesuchten Dokumente?

FAZIT: Die vorstehende Zusammenstellung von Komponenten und Teilprozessen von Informationssystemen sowie von Aspekten ihrer Entwicklung und Nutzung erhebt nicht den Anspruch, eine vollständige Darstellung des Komplexes „Informationssystem“ oder eine Handlungsanweisung zur Erstellung oder zur Nutzung eines Informationssystems zu sein. Der Text stellt den Begriff des Informationssystems aus Sicht der Informationswissenschaft dar und zeigt die wesentlichen Komponenten im Zusammenhang .

Eine Einführung in die Systemanalyse mit dem Schwerpunkt „Informationssysteme“ finden Sie hier: Einführung in die Informations- und Systemanalyse .

Literatur

Blokdijk A.; P. Blokdijk (1987): Planning and Design of Information Systems. London: Academic Press

Buckland, M. (1991): Information and Information Systems. Westport, London: Greenwood Press

Herget, J.; R. Kuhlen (Hrsg., 1990): Pragmatische Aspekte beim Entwurf und Betrieb von Informationssystemen. Schriften zur Informationswissenschaft Bd. 1. Konstanz: Universitätsverlag

Kuhlen, Rainer; Thomas Seeger; Dietmar Strauch (Hrsg., 2004): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. 5. Auflage. München: K. G. Saur

Kunz, W.; H. Rittel (1972): Die Informationswissenschaften. München (vergriffen, nur in Fachrichtungs- bzw. Universitätsbibliothek)

Laisiepen, K.; E. Lutterbeck; K.-H. Meyer-Uhlenried (Hrsg., 1980). Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. München et al.: K.G. Saur

Ortner, E.; B. Schienmann; H. Thoma (Hrsg., 1996): Natürlichsprachlicher Entwurf von Informationssystemen. Schriften zur Informationswissenschaft Bd. 25. Konstanz: Universitätsverlag

Soergel, D. (1985): Organizing Information. Orlando et al.

van Steenis, H. (1992): Informationssysteme. Wie man sie plant, entwickelt und nutzt. München/Wien: 1992