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Studium Informationswissenschaft

Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

4. Die Informatisierung

Exkurs: Kommunikation und Gesellschaft

Ilse Harms

Erst die Erfindung der Schrift hat die Weitergabe und Speicherung von Erfahrungen und Informationen über längere Zeiträume ermöglicht, und der Buchdruck, der für die weite Verbreitung von Informationen sorgte, war Voraussetzung für unsere funktional-differenzierte Gesellschaft. Wersig, ein Informationswissenschaftler, schreibt dazu in seinem Buch“ Die kommunikative Revolution“: „In mehrfacher Hinsicht ist die Geschichte der Menschheit auch die Geschichte der Entwicklung ihrer Kommunikationsmittel“ (1985, S.95).

Auch Niklas Luhmann stellt fest: „Die Hauptphasen der gesellschaftlichen Evolution (…) sind markiert durch Veränderungen in den jeweils dominierenden Kommunikationsweisen (…) und man kann sagen, daß komplexere Gesellschaftssysteme, wie immer sie entwicklungsmäßig erreicht wurden, nicht ohne neuartige Formen der Kommunikation integriert und erhalten werden konnten“(Luhmann, Niklas 1975: Veränderungen im System gesellschaftlicher Kommunikation und die Massenmedien. In: Oskar Schatz (Hrsg.), Die elektronischen Revolution. Wie gefährlich sind die Massenmedien ? Graz 1975, S.13-30., Zitat S.16).

Eine detaillierte Analyse dieses Verhältnisses von Gesellschafts- und Kommunikationsform u.a. in bezug auf den Frühkapitalismus und die Entwicklung des Nachrichtenverkehrs, gibt übrigens Habermas (1962) in seinem Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Untersuchungen zu einer Kategorie der Buergerlichen Gesellschaft. Darmstadt).

Das heißt also, Eingriffe und Veränderungen in bestehenden Kommunikationsformen und Medien sind in der Geschichte der Menschheit immer mit Phasen einer kulturellen Evolution oder Revolution verbunden. Oft ist es so, daß am Beginn von neuen gesellschaftlichen Verfassungen auch ein neues Kommunikationsmedium steht.

Diese elementare Bedeutung, die der Kommunikation zukommt, gilt selbstverständlich nicht nur für die Makroebene, d.h. für die Gesellschaft, sondern auch für die Mikroebene, d.h. für das Individuum. Das in-Beziehung-Treten mit der Umwelt erfolgt durch Kommunikation. Der Mensch bedarf als „extremer Nesthocker“ – wie der Soziologe Dahrendorf (1969) das formulierte – mit unzureichender instinktiver Absicherung in Bezug auf seine Umwelt einer „zweiten soziokulturellen Geburt“ durch Sozialisierung, ein Prozeß, durch den das Individuum zum sozialen Wesen wird und die Fähigkeit erlangt, selbst gesellschaftliche Funktionen zu übernehmen (Dahrendorf, Ralf 1969: Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. 8. Aufl., Köln/Opladen).

Ohne auf die verschiedenen sozialisations-theoretischen Positionen einzugehen, ist unumstritten, daß sich Mensch-Sein ohne soziale Welt ausschließt, und daß das In-Beziehung-Treten mit der Umwelt durch Kommunikation erfolgt.