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Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

Informationsgesellschaft und Informationskultur

Plakatwand zur „Informationskultur“

Heinz-Dirk Luckhardt

(Zum Thema „Traffic auf WWW-Seiten“) Was da abläuft, kann man sich im traditionellen Umfeld so vorstellen: Eine Bibliothek würde danach bewertet, wie viele Besucher reinkommen, auch wenn sie die Bestände gar nicht nutzen. Es reicht, wenn die Besucher an den zahlreichen aufgebauten Werbetafeln (vulgo Banners) vorbeikommen. Besser noch: In der Bibliothek werden Verkaufsstände für Nahrungsmittel, Textilien oder Urlaubsreisen sowie Bankschalter eingerichtet. Die Bibliotheksträger reiben sich die Hände: Sie brauchen keine Bücher mehr zu kaufen (denn was im Regal steht, ist egal), haben aber schöne Mieteinkünfte für Werbe- oder Standflächen. Es geht heute um nichts Geringeres als die Ablösung der Schriftkultur durch eine Multi-Media-Informationskultur
Geht die Schriftkultur mit der Multi-Media-Informationskultur unter? Es besteht also durchaus die Chance, dass die neuen Informationstechnologien kreative Potentiale freisetzen, die durch die Schriftlichkeit der Wissensvermittlung bisher behindert waren Die große, langfristige Veränderungskrise der Informationsgesellschaft fällt zusammen mit dem kurzfristigen (nicht zukunftsverträglichen) Zeitgeist des Marktparadigmas
you can find the information technology everywhere except in the productivity statistics Nur solche Endnutzer können sich als informationell mündig empfinden, welche die jeweils neueste Version und Konfiguration installiert haben. Gegen diesen Terror der IT-Wirtschaft ist auf absehbare Zeit kein Kraut gewachsen Es ist eine schleichende Machtübernahme durch Globalisierer und ihre willigen Helfer im Gange, die nicht nur das Informationswesen, sondern nahezu alle Bereiche von Wissenschaft und Wirtschaft zu kolonisieren trachten und der traditionellen Informationskultur womöglich bleibende Schäden zufügen.
Zahlreiche Werbeagenturen mutierten plötzlich zu Informationsvermittlern, weil sie ihrer Kundschaft das Internet als weitgehend kostenlose Informationsquelle verkauften, zu der man über eine schicke Designer-Homepage Zugang erhält … sollte man die Universitäten nicht darauf reduzieren, Wissen bereitzustellen, das in der Folge die ökonomische Basis der Gesellschaft verbessert. Die Wirtschaft soll helfen, ein Ziel möglichst effizient zu erreichen, sie selbst ist kein Ziel
Einziges Ziel vieler Websites ist es, Traffic auf ihren Seiten zu erzeugen. In dem Sinne sind gute Informationsdienste kein Ziel an sich, sondern bestenfalls Mittel zum Zweck In der Informationswissenschaft schätzt man die Halbwertszeit des Wissens auf zwei bis drei Jahre Nachdem die Großkonzerne in den 80er und frühen 90er Jahren in der Informationsbranche noch keinen Profit sahen und die Pionierarbeit den Kleinen überließen, schlugen sie in dem Moment heftig zu, als Internet und IT-Dienste plötzlich zum großen Renner wurden
Derzeit fehlt der Multi-Media-Informationsgesellschaft ein Qualitätssicherungssystem Branchenfremde instrumentalisieren die Informationsbranche: sie behaupten, dem Informationswesen dienen zu wollen, stimulieren aber nur ihr Wachstum, um IT-Tools, Netzverbindungen und PR-Gags zu verkaufen
Die Geschichte der Informationsgesellschaft beginnt viel früher als die der IT – der Kampf um Demokratie vom Beginn des 19. Jahrhunderts an konzentrierte sich auf den Kampf um die Presse- und Meinungsfreiheit, also um Information. Die Leitrolle bei der Bewältigung der Problemzonen der Wissensgesellschaft ist derzeit nicht besetzt. Mit dem Argument der Informationsvielfalt wird die Zahl der Radio- und Fernsehprogramme, die überwiegend Wiederholungen senden, vervielfacht, das Internet, die Datenautobahnen, UMTS (und vieles mehr) werden mit dem Argument der Informationsbereitstellung und des unbegrenzten Informationszugangs forciert. Alle diese Bestrebungen zeichnen sich aus durch große Anteile längst bekannter Inhalte; große Anteile falscher, unaktueller, unzutreffender Inhalte; große Teile beeinflussender Inhalte (wie Werbung); große Anteile rein unterhaltender Inhalte; große Anteile reinen Geschwätzes, Unsinns und Spiels.
Information Retrieval mit Suchmaschinen bedeutet einen Rückfall in die frühen 80er Jahre Wer noch nie traditionelle Informationsdienste genutzt hat, empfindet die Sucherfolge im WWW wahrscheinlich als Fortschritt
Gravierende Nachteile von Webinformationen sind: Manipulierbarkeit und ungewisse Lebensdauer von Webseiten

Wem dies nun doch etwas zu plakativ war, dem wird empfohlen, den ganzen Text zu lesen und mit dem Vorwort zu beginnen.

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