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Studium Informationswissenschaft

Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft

3. Was ist eine Informationsgesellschaft?

Exkurs: Der Sputnik-Schock und die Entwicklung der (Fach-)Informationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland

Michael Krauss

(mit Ergänzungen von Matthias Jentschke)

Sputnik (russ. = Gefährte) war der Projektname für mehrere künstliche Satelliten, die von der damaligen UdSSR zwischen den Jahren 1957 und 1958 abgeschossen wurden. Ihr wissenschaftlicher Zweck bestand primär darin, den Weltraum zu erforschen und ausfindig zu machen, ob lebende Organismen unter Weltraum-Bedingungen überleben können.

Am 4. Oktober 1957 wurde Sputnik I abgeschossen. Dies war nur ein einfacher Test, der als Nutzlast ein „radio beacon“ und ein Thermometer enthielt, und von seinen Schöpfern als „ES“ (Elementar-Satellit) bezeichnet wurde.

Der Sputnik war ein ungeheurer Schock für den Westen, der bis zu diesem Zeitpunkt dazu tendierte, die sowjetische techn. Kapazität als niedrig einzustufen. Dies prägte den Beginn des „space race“ zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union. Im nachhinein betrachtet waren die Sputniks nun doch nicht so eine große Überraschung, da Moskau mehrere ausdrückliche amtliche Verlautbarungen über diese sowjetischen Anstrengungen veröffentlicht hatte. Diese Ankündigungen wurden im Westen jedoch als Propaganda abgetan bzw. die vorhandenen Informationen wurden einfach nicht ernst genommen. Der „Sputnik-Herbst“ blieb natürlich nicht ohne Folgen. Da man der Meinung war, dass es die zentrale Art der Verwaltung und Sammlung von Informationen war, die der Sowjet-Union den technischen Vorsprung gegenüber dem Westen ermöglicht hatte, kam es von staatlicher Seite erstmals zu einer Art von „Bewusstseinsbildung“ über die Relevanz organisierter Informationsbereitstellung für die Leistungs-und Funktionsfähigkeit eines politischen Gemeinwesens.Verstärkt wurde diese neue „Bewusstseinsbildung“ durch den 1963 in den USA verfassten Weinberg-Report, in dem als Reaktion auf den sog. „Sputnik-Schock“ von 1957 und an den Verhältnissen der USA ausgerichtet, eine sorgfältige Analyse und Stellungnahme zu akuten Grundproblemen der Dokumentation und Information geliefert wurde.

Unter anderem stellte Alwin M. Weinberg in seinem Bericht fest: „Aber unsere Schulen und Hochschulen werden (…) auf einiger Befähigung des retrieval zu bestehen haben. Der Techniker als Autor trägt zur Informationsexplosion bei; als Benutzer von Information ist er überwältigt von eben dieser Information. Er muss daher nicht nur fähig sein, sich selbst klar und bündig auszudrücken, unter hinreichender Beachtung des danach folgenden retrieval dessen, was er schreibt; er muss auch mit den neuen Hilfsmitteln technischer Informationsbereitstellung vertraut sein. Diese Fähigkeit an unsere neue Generation von Technikern weiterzugeben, ist die Aufgabe unserer Hochschulen, Universitäten und techn. Schulen. Sie werden die Techniken der Kommunikation wesentlich aktiver als bisher zu lehren haben.“2)

Zwar wird dem Weinberg-Report der entscheidende Anteil an der Bildung eines Informationsbewusstseins zugesprochen, aber auch in der Bundesrepublik wurde in dem 1962 erstellten Gutachten des Präsidenten des Bundesrechnungshofes 3) erstmals eine Situationsanalyse für die BRD erarbeitet, in der die Dokumentation als Mittel der Leistungssteigerung in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung bezeichnet, ihre Organisation als staatl. Aufgabe erkannt und Vorstellungen von einem nationalen Dokumentationsnetz entwickelt wurden. Das Datum dieses Gutachtens bescheinigt jedenfalls auf Ebene bundesdeutscher Informationspolitik eine vom Weinberg-Report relativ unabhängige Bewusstseinsbildung, wenn auch von diesem in der Folgezeit mit Sicherheit wichtige neue Impulse ausgegangen sein mögen.

Als 1963 in der BRD beim Bundesministerium für Forschung und Technik ein Referat für die Dokumentation eingerichtet wurde, war zugleich die Frage nach der ressortpolitischen Zuständigkeit entschieden. Somit war das soziale Problem der Information und Dokumentation (IuD) nach einer Phase der Bewusstseinsbildung bereits in eine Phase der Institutionalisierung getreten.

Informationspolitik war somit etablierter Bestandteil des staatl. Handelns geworden. Der damalige Referatsleiter H. Lechmann formulierte in zwei Beiträgen konkrete Ansätze für die Entwicklung einer IuD-Landschaft, die er mit seinen Vorstellungen über die Gestaltung einer nationalen IuD-Politik zu den wesentlichen Eckpunkten für das erste nationale IuD-Förderungsprogramm machte.

Das Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-Programm) 1974 – 1977 beinhaltete einen Lösungsansatz, in dem versucht wird, die Erfüllung der beiden Desiderata Informationsproblem und Informationsbedarf durch die infrastrukturelle Maßnahme einer flächendeckenden Organisationsstruktur zu gewährleisten. Bei diesem Koordinationsansatz handelt es sich „um den ersten großen und umfassend konzipierten Versuch eines industriell hochentwickelten Landes, dafür zu sorgen, dass das auf der Welt vorhandene Wissen der Allgemeinheit uneingeschränkt zur Verfügung steht und zur Lösung der wissenschaftl., techn., ökonomischen und pol. Aufgaben unserer Zeit eingesetzt werden kann.“4)

Konnte Anfang der 80er Jahre das soziale Problem einer sich weiterentwickelnden Informationsgesellschaft durch seine Komponenten Informationsflut und Informationsbedarf charakterisiert werden, so zeichnete sich im Fachinformationsprogramm 1985-88 (FI-Programm) der Bundesregierung eine grundlegende Neuorientierung ab.

Die im IuD-Programm vorgesehenen infrastrukturellen Maßnahmen wurden auf ein Schwerpunktprogramm reduziert, bei dem eine strikte Ausrichtung bereits bestehender FI-Einrichtungen an marktwirtschaftl. und damit streng benutzerorientierten Zielsetzungen vorgenommen wurde. 1984 wurde die Gesellschaft für Information und Dokumentation aufgelöst, die im Rahmen des IuD-Programmes gegründet wurde. Durch die Absage an eine Fortschreibung des im IuD-Programmes formulierten infrastrukturellen Förderungsschwerpunktes zugunsten einer informationspol. Neuorientierung wurde die Eigendynamik von FI durch den Aufbau eines Informationsmarktes zu beleben versucht.

Das FI-Programm 85 – 88 wurde zur offiziellen informationspolitischen Programmatik erhoben. Gesamtpolitische Aspekte dieser Zeit lassen sich auch im FI-Programm wiederfinden, die damit auch integrierte Bestandteile informationspolitischer Zielsetzungen geworden waren. Leitziele, wie Subsidiarität und Deregulierung standen im Vordergrund. Den Zielen entsprechend geht der Staat auf eine allgemeine Privatisierungstendez ein. Im Vertrauen auf die Selbstregulierung der Marktkräfte sollen staatl. Interventionen auf den Abbau von Investitions- und Beschäftigungshemmnissen auf der Angebotsseite (d.h. bei Unternehmern und Produzenten) beschränkt bleiben.

Das FI-Programm 90 – 94 basierte auf dem Hintergrund einer rückblickenden Bilanz zum FI-Programm 85 – 88 sowie einer Fortschreibung der eingeschlagenen Leitlinien. Auch wurde an den Grundsätzen von Angebotsökonomie und internationalem Interdependenzsystem für den FI-Markt festgehalten. Zugleich wird eine Verbesserung von Marketing und Öffentlichkeitsarbeit im Bereich der FI gefordert. Auch der bisherige Adressatenkreis (Hersteller und Anbieter von wissenschaftl. und techn. Informationen, große Unternehmen) wurde ausgeweitet.

Besonders Hochschulen sowie kleinere und mittlere Unternehmen sollten vom FI-Programm 90 – 94 angesprochen werden. Insbesondere zwischen Nutzer, FI-Einrichtungen und Bibliotheken sollte mit Hilfe des forcierten Ausbaus der elektronischen Dokumentlieferung die Möglichkeiten einer weiterentwickelten Telekommunikation stärker ausgeschöpft und so die Funktionsfähigkeit und Attraktivität des Informationsmarktes verbessert werden.

Im darauf folgenden Programm „Information als Rohstoff für Innovation“ (Zeitraum 1996-2000) wurde versucht, die Potenziale des World Wide Web und der Multimediatechnologie noch stärker für die Vermittlung von „wissenschaftlich-technischen“ Informationen zu nutzen. Für Hochschulen, Wissenschaftler sowie kleinere und mittlere Unternehmen sollte die Möglichkeit geschaffen werden, Fachinformationen vom Arbeitsplatzrechner aus recherchieren und abrufen zu können. Man erhoffte sich u.a. die schnelle Anwendung des elektronisch zugänglichen Wissens in der Praxis. Den Aufbau einer digitalen Informationsinfrastruktur förderte das BMBF durch verschiedene Modellprojekte, zu denen auch der elektronische Dokumentlieferdienst SUBITO gehörte. Ein höherer Kostendeckungsgrad der Fachinformationszentren sollte dazu beitragen, den Anteil der staatlichen Finanzierung langfristig zu ersetzen.

Die zunehmende Bedeutung der IuK-Technologie bzw. der Wandel Deutschlands von der Industrie- zur Informationsgesellschaft waren auch die Schwerpunktthemen des Aktionsprogramms „Innovationen und Arbeitsplätze der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ (Zeitraum 2000-2005). Als Ziel wurde u.a. die „Steigerung der Verbreitung und Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechniken in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft“ genannt. Dies bedeutete konkret

  • die Ausstattung von Bildungseinrichtungen mit multimediafähigen PC und Internetanschlüssen
  • der verstärkte Einsatz von IT in der öffentlichen Verwaltung
  • die Ausweitung des Ausbildungsvolumens in den neuen IT-Berufen sowie
  • die Verdoppelung der Zahl der Multimedia-Unternehmen

bis zum Jahr 2005.

Aktuell wird mit der „Hightech-Strategie für Deutschland“ (2006 – 2020) die Zielsetzung verfolgt, Forschung und Entwicklung ressortübergreifend zu fördern und aus Deutschland die „forschungsfreudigste Nation der Welt“ zu machen. Für insgesamt 17 Zukunftsfelder (darunter z.B. Medizintechnik, Energietechnologie sowie Informations- und Kommunikationstechnologie) sind vom BMBF mehrere Strategien ausgearbeitet worden, die zum Ausbau der bereits vorhandenen Stärken auf jedem Forschungssektor dienen sollen (ausgehend von einer Stärken-Schwächen-Analyse). Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft wird weiterhin angestrebt um einerseits das existierende Wissen auf beiden Seiten zu bündeln und andererseits den Weg zu neuen Innovationen zu beschleunigen. Die IuK-Technologie wird in diesem Zusammenhang auch weiterhin eine bedeutende Rolle für den Austausch von Fachinformationen spielen. Neue Rahmenbedingungen für ihre erfolgreiche Anwendung zum Wissensaustausch, wie bspw. ein neues Urheberrecht oder die Gestaltung von anwenderfreundlichen Digital Rights Management – Systemen, werden derzeit erarbeitet.

Quellen

  1. Bundesministerium für Bildung und Forschung (1999): Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts – Aktionsprogramm der Bundesregierung -. http://www.bmbf.de/pub/informationsgesellschaft_deutschland.pdf, 18.9.2000
  2. – (2002): Studie „Zukunft der wiss. und techn. Information in Deutschland“ (Arthur D. Little im Auftrag des BMBF) http://www.bmbf.de/pub/information_vernetzen-wissen_aktivieren.pdf , 29.10.2002
  3. – (2002): Information vernetzen – Wissen aktivieren. Strategisches Positionspapier. http://www.bmbf.de/pub/information_vernetzen-wissen_aktivieren.pdf
  4. Science, government, and information: genehmigte deutsche Übersetzung des Weinberg-Berichtes vom 10. Januar 1963; Dt. Gesellschaft für Dokumentation (Hrsg.), Frankfurt (Main) 1964; S.48/49
  5. Die Informationspolitik in der BRD von der IuD-Politik des IuD-Programms zur FI-Politik der FI-Programme, im Rahmen des Proseminars: Informationswissenschaftlichen Grundlagenfragen(WS 1990/91) vorgelegt von Peter Erik Wilhelm
  6. Präsident des Bundesrechnungshofes (1962): Untersuchung über die wissenschaftl. Dokumentation in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1962
  7. Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-Programm) 1974 – 1977
  8. Lechmann, H.: Nationale und internationale Aspekte des IuD-Programms der Bundesregierung. In: Deutscher Dokumentartag 1976. Münster. München 1977, S. 193f.
  9. Fachinformationsprogramm 1985 – 88 der Bundesregierung Fachinformationsprogramm der Bundesregierung 1990 – 1994
  10. Gromov, Gregory R. The Roads and Crossroads of Internet’s History. http://www.internetvalley.com/intval1.html. Update: September 9, 1996