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Identität und Geschichte der Informationswissenschaft

Die Informationsgesellschaft

Die Informationsgesellschaft

Projekte: Identität und Geschichte der Informationswissenschaft

2. Die Informationshypothese

Gernot Wersig stellt in seinem Buch „Die Komplexität der Informationsgesellschaft“ mehrere Hypothesen in Bezug auf die Informationsgesellschaft dar. Um einen kleinen Einblick zu ermöglichen, sind nachfolgend zwei Hypothesen aus Wersigs Liste herausgegriffen:

  1. Bei der Informationshypothese geht es nicht nur um Fachinformation, sondern auch um die Nutzung von Informationen im täglichen Leben.

Bei dieser Hypothese wird die Informationsgesellschaft als eine Gemeinschaft angesehen, in der Menschen sich als „Kalkülanwender“ betätigen. Ein Kalkül entspricht hierbei der Abwägung verschiedener Entscheidungsmöglichkeiten. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch über eine bestimmte Menge von Kalkülen verfügt, für die er nur noch die geeigneten Daten (Anwendungsbedingungen) suchen muss, um sich für eine Möglichkeit entscheiden zu können.

Ein Problemlösungsvorgang gemäß dieser Hypothese würde dann wie folgt aussehen:

Ein Mensch hat ein Problem. Für die Lösung diese Problems gibt es einige Operationen, also Handlungsmöglichkeiten, die alternativ zur Auswahl stehen. Es gibt einen Kalkül, der die verschiedenen Operationen bewertet und entscheidet, welche Operation oder Operationen für das Problem in Frage kommen. Der Kalkül wird mit Daten gefüllt. Diese werden, wenn sie relevant sind, zu Informationen. Im idealen Fall funktioniert der Kalkül und führt somit zu einer Lösung des Problems.

Die Fehleranfälligkeit dieser Hypothese ist leicht zu ersehen:

  • Je mehr Entscheidungen aufgrund von Informationen getroffen werden, desto wichtiger wird die Zuverlässigkeit und damit die Richtigkeit der Information. Dies kann aufgrund von falscher Auswahl der Informationen oder einfach aufgrund falscher Informationen nicht immer gewährleistet werden.
  • Im Normalfall verwendet der Mensch nicht einen bereits vorgegebenen Kalkül, sondern entwickelt jedes Mal einen neuen spezifischen Kalkül, der aus der jeweiligen Situation heraus entsteht. Da bei dieser Theorie davon ausgegangen wird, dass bereits Kalküle vorhanden sind, besteht die Gefahr, dass ein Kalkül nicht mehr benutzt wird, weil er angemessen, sondern einfach weil er vorhanden ist.

Die Informationshypothese birgt auch verschiedene Risiken in sich. Nicht beachtet wurde hier unter anderem, dass mit Anwendung dieser Hypothese wesentliche menschliche Verhaltensweisen verloren gehen können. Folgen wären dann z.B.:

  • Der Verlust der Risikobereitschaft: Fehlervermeidung ist eine bekannte Strategie der Risikominimierung. Der Mensch tendiert immer mehr dazu, immer mehr Ängste zu entwickeln und weniger Risiken einzugehen. Möglich wird dies durch vorgegebene Kontrollen oder durch fehlerfreie Systeme.
  • Der Verlust der Verantwortungsbereitschaft: durch Akzeptanz der bereits vorhandenen oder vorgegebenen Kalküle muss kein neuer eigener Kalkül mehr entwickelt werden. Damit wird die persönliche Verantwortung immer mehr auf den „Erzeuger“ des Kalküls verlagert, z.B. auf Systeme, Software und Maschinen.
  • Der Verlust der Selbstachtung: Dieser Effekt beruht auf der Tatsache, dass das Treffen von Entscheidungen ein Aspekt des menschlichen Lebens ist. Dieser Aspekt wird gänzlich außer acht gelassen, da keine eigenen Entscheidungen mehr getroffen werden müssen.
  1. Eine weitere Hypothese ist z.B. die „Quatsch-Explosion“ von Joseph Weizenbaum, die Wersig ebenfalls in seinem Buch erwähnt. Weizenbaum beschreibt die Informationsgesellschaft als „reinen Unsinn“. Er begründet dies damit, dass die Mehrheit der Menschen gar nicht weiß, welche Fragen sie den Computern, die Unmengen von bedeutungslosen Daten speichern, überhaupt stellen sollen, mit der Ratlosigkeit der vermeintlich informierten Gesellschaft, dem zweifelhaften Nutzen und Einsatz von Computern und der allzu großen Datengläubigkeit, ohne diese dabei auf ihre Sinnhaftigkeit und Relevanz hin zu hinterfragen. Er sieht keine kommende Informations-Explosion, sondern eine Explosion großer Speicher mit sinnlosen Daten und sinnloser Literatur.

Wie auch bei der Informationshypothese fallen hier sofort einige irreale Züge auf, da z.B. nicht alle gespeicherten Daten sinnlos sind usw.. Und wie am Anfang erwähnt, ist keine dieser Hypothesen fehlerfrei, keine zeigt eine ganzheitliche Sicht der Informationsgesellschaft, jede wäre noch zu beweisen. Um die breite Fächerung der Informationsgesellschaft zu erfassen, müssen auch alle Teilbereiche und all ihre Auswirkungen mit einbezogen werden. Zumindest die angesprochenen Hypothesen spiegeln die Einstellung des Erstellers der Hypothese zur Informationsgesellschaft wider.