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Presse

Offener Brief

Prof. Dr. Ha­rald H. Zim­mer­mann

An die
Prä­si­den­tin der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des
Frau Prof. Dr. Mar­gret Win­ter­man­tel

Saar­brü­cken, den 2.2.2006

Sehr ge­ehr­te Frau Prä­si­den­tin,

es ist gu­ter Brauch, dass sich aus dem Dienst schei­den­de Hoch­schul­leh­rer nicht bei der Fra­ge der Aus­wahl eines Nach­fol­gers / einer Nach­fol­ge­rin ein­mi­schen. So woll­te und wer­de ich es auch selbst hal­ten. Mein be­vor­ste­hen­des Aus­schei­den aus dem Dienst zum 30. Sep­tem­ber 2006 ist je­doch An­lass da­für ge­wor­den, die Exis­tenz des Stu­dien­fachs In­for­ma­tions­wis­sen­schaft in Frage zu stellen. Dass ich mein Schrei­ben an Sie zu­gleich an die Öf­fent­lich­keit rich­te, be­grün­de ich da­mit, dass das The­ma in­zwi­schen von den Me­dien längst auf­ge­grif­fen wur­de und ich ein gro­ßes In­ter­es­se der Me­dien fest­ge­stellt ha­be, zu­mal der Be­reich in­halt­lich-the­ma­tisch auch die Me­dien selbst be­trifft.

Da ab­zu­se­hen war, dass die Uni­ver­si­tät im Rah­men des sog. Bo­lo­gna-Pro­zes­ses ihre Di­plom- und Ma­gis­ter­stu­dien­gän­ge auf das Ba­che­lor- und Mas­ter-Mo­dell um­stel­len wird (in­zwi­schen ist die ent­spre­chen­de Ent­schei­dung ge­fal­len: al­le ent­spre­chen­den Stu­dien­gän­ge der Uni­ver­si­tät sind spä­tes­tens zum Win­ter­se­mes­ter 2007/08 um­zu­stel­len), wur­de sei­tens der Fach­rich­tung In­for­ma­tions­wis­sen­schaft – unter Mit­wir­kung der Stu­die­ren­den – nach dem Schei­tern des fa­kul­täts­in­ter­nen Ko­ope­ra­tions­mo­dells (vgl. An­la­ge: Hin­ter­grund) eine Al­ter­na­ti­ve ge­sucht, die einen an­de­ren be­reits be­stehen­den Schwer­punkt des Stu­dien­fachs – die An­ge­wand­te Sprach­wis­sen­schaft – in den Vor­der­grund stell­te: Zu­sam­men mit der Fach­rich­tung An­ge­wand­te Sprach­wis­sen­schaft so­wie Über­set­zen und Dol­met­schen wur­de u. a. ein ge­mein­sa­mer Ba­che­lor-Stu­dien­gang ‚Mul­ti­lin­gua­le In­for­ma­tion und Me­dien in Euro­pa’ ge­plant und den hier­bei be­trof­fe­nen bei­den Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tä­ten II (Sprach-, Li­te­ra­tur- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten) und III (Em­pi­ri­sche Hu­man­wis­sen­schaf­ten) zur Be­ra­tung und An­nah­me vor­ge­legt. Wäh­rend sich die Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät II ein­stim­mig für die Auf­nah­me die­ses Stu­dien­gangs ent­schied, ver­wei­ger­te die Fa­kul­tät Em­pi­ri­sche Hu­man­wis­sen­schaf­ten die Zu­stim­mung mit dem Hin­weis, dass da­mit Ka­pa­zi­tä­ten der Fa­kul­tät ge­bun­den wür­den, die ein in­ner­halb der Fa­kul­tät zu ver­wirk­li­chen­des Kon­zept nicht mehr zu­lie­ßen, das Ka­pa­zi­tä­ten der Fach­rich­tung In­for­ma­tions­wis­sen­schaft ein­be­zie­hen soll­te.

In­zwi­schen ist für mich un­schwer zu er­ken­nen, dass es der Fa­kul­tät nicht mehr um die Ein­rich­tung eines Stu­dien­gangs geht, bei dem schwer­punkt­mä­ßig in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­ten­zen (wie sie be­währ­ter Gegen­stand des Ma­gis­ter-Stu­diums sind) ver­mit­telt wer­den, son­dern in ers­ter Li­nie um die Nut­zung dem­nächst frei wer­den­der per­so­nel­ler Ka­pa­zi­tä­ten zur Stär­kung er­zie­hungs­wis­sen­schaft­li­cher Aus­bil­dungs­schwer­punk­te, auch in der Leh­rer­bil­dung. Nach mei­ner Er­kennt­nis se­hen die Über­le­gun­gen der Fa­kul­tät et­wa wie folgt aus: Ab­wick­lung des Ma­gis­ter-Stu­dien­gangs durch über­gangs­wei­se in der Fach­rich­tung noch vor­han­de­ne Ka­pa­zi­tä­ten (eine Stel­le BAT Ib, noch ver­füg­bar bis 2012, und eine APL-Professur). Da­mit wä­ren ab Herbst 2006 so­wohl die be­stehen­de C4-Pro­fes­sur (die nach einer schon ent­spre­chend vor­ge­nom­me­nen Über­prü­fung als W2- oder W3-Pro­fes­sur neu ge­wid­met wür­de) als auch eine Stel­le 0,5 BAT IIa für die­se neue an er­zie­hungs­wis­sen­schaft­li­chen Schwer­punk­ten bzw. der Leh­rer­bil­dung orien­tier­te Aus­rich­tung ‚frei’.

Um eine ra­sche Um­orien­tie­rung zu er­mög­li­chen, will der Fa­kul­täts­rat die­se durch die Ein­füh­rung einer sog. ‚pla­ne­ri­schen Null­quo­te’ zum Win­ter­se­mes­ter 2006/07 flan­kie­ren. Da­nach wä­re die Auf­nah­me eines Ma­gis­ter-Stu­diums mit dem Stu­dien­fach In­for­ma­tions­wis­sen­schaft nicht mehr mög­lich. Mit einem sol­chen Ta­ges­ord­nungs­punkt wird sich der Fa­kul­täts­rat am 8. Fe­bru­ar im zwei­ten An­lauf be­fas­sen, nach­dem die­se Be­schluss­fas­sung aufgrund er­heb­li­cher Pro­tes­te der Stu­die­ren­den in einer Sit­zung im De­zem­ber ver­scho­ben wor­den war.

Ganz so un­schul­dig an die­sen Über­le­gun­gen ist auch die Uni­ver­si­täts­spit­ze nicht: ich er­in­ne­re mich noch an eine Be­mer­kung Ih­rer­seits zu An­fang der Pla­nun­gen, als sie da­mals äu­ßer­ten, dass mit mei­nem Aus­schei­den in 2006 die Uni­ver­si­tät na­tur­ge­mäß ‚Zu­griff auf die­se Stel­le’ ha­be. An­ge­sichts des von Se­nat und Uni­ver­si­täts­rat ver­ab­schie­de­ten Uni­ver­si­täts­ent­wick­lungs­plans, in dem die Fach­rich­tung mit den in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­li­chen Schwer­punk­ten als ‚posi­tiv’ ein­ge­stuft wur­de, ha­be ich dies da­mals als for­ma­len Hin­weis an­ge­se­hen und als An­sporn, neue ko­ope­ra­ti­ve Lö­sun­gen zü­gig zu er­arbei­ten.

Die Not­wen­dig­keit, den er­zie­hungs­wis­sen­schaft­li­chen Schwer­punkt ins­be­son­de­re in der Leh­rer­bil­dung zu stär­ken, wird auch von mir an­erkannt. Da­für je­doch die in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung an die­ser Uni­ver­si­tät letzt­end­lich zu op­fern, leh­ne ich ent­schie­den ab. Wenn die Fä­cher, die an der Leh­rer­bil­dung be­tei­ligt sind, nur je­des im ei­ge­nen In­ter­es­se einen kaum spür­ba­ren An­teil für die Er­zie­hungs­wis­sen­schaft be­reit­stell­ten, wä­re die­ses Pro­blem z. B. auch an­der­wei­tig zu lö­sen.

Bis­lang ist die In­for­ma­tions­wis­sen­schaft als sog. ‚Bin­de­strich-In­for­ma­tik’ (auch: ‚An­ge­wand­te In­for­ma­tik’) dem uni­ver­si­tä­ren Schwer­punkt ‚In­for­ma­tik’ mit zu­ge­rech­net wor­den. Die Fach­schaft der Stu­die­ren­den hat in einer Re­so­lu­tion erst kürz­lich eine Ko­ope­ra­tion mit der Sprach­wis­sen­schaft und Com­pu­ter­lin­guis­tik vor­ge­schla­gen. Hier­bei kön­nen nicht nur die in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­li­chen Kern-Mo­du­le (vgl. die Über­sicht in der An­la­ge) pro­blem­los ein­ge­bun­den wer­den, es er­öff­nen sich ins­be­son­de­re in einem ge­mein­sa­men Ba­che­lor-Stu­dien­gang be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven nach der obli­ga­ten (nur) drei­jäh­ri­gen Ba­che­lor-Aus­bil­dung, die nach al­lem, was bis­lang und jüngst an Plä­nen sei­tens der Er­zie­hungs­wis­sen­schaft vor­ge­legt wur­de, mir bei Wei­tem nicht ge­währ­leis­tet er­scheint.

Sie ha­ben, sehr ge­ehr­te Prä­si­den­tin, erst kürz­lich gegen­über der Fach­schaft In­for­ma­tions­wis­sen­schaft und so­weit ich weiß auch gegen­über den Me­dien er­klärt, dass die Uni­ver­si­tät die in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­li­chen Kern-In­hal­te er­hal­ten wol­le. Dies ist aber nicht mehr mög­lich, wenn gro­ße Tei­le der Ka­pa­zi­tät für die Leh­rer­bil­dung und / oder einen bil­dungs- bzw. er­zie­hungs­wis­sen­schaft­lich ge­präg­ten Ba­che­lor ver­wer­tet wer­den.

Ich bin es we­ni­ger der Uni­ver­si­tät, als der Wirt­schaft und Ge­sell­schaft so­wie mei­nen in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­lich tä­ti­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gin­nen in Deutsch­land und ‚welt­weit’ schul­dig, mich da­für ein­zu­set­zen, dass die­ser Schwer­punkt er­hal­ten bleibt, der – so­wohl was die Wis­sen­schaft als auch die Pra­xis an­be­langt – al­le Vor­aus­set­zun­gen er­füllt, einen kon­struk­ti­ven Bei­trag zur Be­wäl­ti­gung der nach­weis­lich ex­ponen­tiell wach­sen­den Wis­sens- und Pu­bli­ka­tions­flut zu leis­ten.

Ich bit­te Sie, sehr ge­ehr­te Prä­si­den­tin, sehr dring­lich, Ihre bis­he­ri­ge Zu­rück­hal­tung auf­zu­ge­ben und tat­kräf­tig dar­an mit­zu­wir­ken, dass nicht aus falsch ver­stan­de­ner Spar-Not­wen­dig­keit fal­sche hoch­schul­poli­ti­sche Wei­chen­stel­lun­gen er­fol­gen. Die In­for­ma­tions­wis­sen­schaft kann einen Bei­trag zum Ex­zel­lenz-Be­reich die­ser Uni­ver­si­tät leis­ten.

Bit­te wir­ken Sie zu­nächst um­ge­hend dar­auf hin, dass der Be­schluss des Fa­kul­täts­rats, einen pla­ne­ri­schen Nu­me­rus clau­sus ein­zu­füh­ren, ver­hin­dert wird. Ein sol­cher Be­schluss scha­de­te m. E. sehr dem Image der Uni­ver­si­tät. Die einzige er­kenn­ba­re ‚Lo­gik’, die hier­in zu se­hen ist, gilt im Grun­de für al­le Fä­cher, die zum Win­ter­se­mes­ter 2007/08 auf Ba­che­lor- und Mas­ter-Lö­sun­gen um­stel­len müs­sen: Al­le Fä­cher müs­sen spä­ter par­al­lel ei­ni­ge Jah­re Ka­pa­zi­tä­ten für aus­lau­fen­de so­wie für neu be­gin­nen­de Stu­dien­gän­ge be­reit­stel­len. Die Nä­he der bis­her ge­plan­ten Mo­du­le eines in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­lich mit ge­präg­ten Ba­che­lor- oder Mas­ter-Stu­dien­gangs zu den be­stehen­den Stu­dien­schwer­punk­ten im Ma­gis­ter­stu­dien­gang bie­tet zu­dem – wie dies üb­ri­gens in den Fä­chern, die den Wech­sel schon voll­zo­gen ha­ben, et­wa in der In­for­ma­tik, klar zu er­ken­nen ist – die Mög­lich­keit, dass Stu­die­ren­de des aus­lau­fen­den Stu­dien­gangs an Ver­an­stal­tun­gen des neuen Stu­dien­gangs teil­neh­men und da­durch er­gän­zen­de Ver­an­stal­tun­gen ent­fal­len.

Die Ein­füh­rung der pla­ne­ri­schen Null-Quo­te für Stu­dien­an­fän­ger im Ma­gis­ter-Stu­dien­fach In­for­ma­tions­wis­sen­schaft kann ich unter die­sen Um­stän­den da­her nur als Zei­chen da­für ver­ste­hen, dass die in­for­ma­tions­wis­sen­schaft­li­chen Schwer­punkt­the­men in Zu­kunft nicht mehr vor­ge­se­hen sind. In der Wirt­schaft hat man für ein solches Vor­ge­hen einen ge­ra­de wie­der ak­tu­el­len Be­griff: Es han­delt sich nach mei­nem Da­für­hal­ten um den Ver­such einer ‚feind­li­chen Über­nah­me’.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

gez. Prof. Dr. Ha­rald H. Zim­mer­mann

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An­la­ge: Hin­ter­grund

Ergänzende Materialien zum offenen Brief


Kontakt:
Prof. Dr. Harald H. Zimmermann
Universität des Saarlandes
Fachrichtung Informationswissenschaft
D-66041 Saarbrücken
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Fax 0681-302-3557
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