Diese Website ist seit dem Ende des Studiengangs Informationswissenschaft
im Juni 2014 archiviert und wird nicht mehr aktualisiert.
Bei technischen Fragen: Sascha Beck - s AT saschabeck PUNKT ch
Drucken

Presse

2000 11 07 SZ

Saarbrücker Zeitung 07.11.2000

Wie der Autor Alfred Gulden im Internet literarisch die Hosen herunterließ

Ein Seminar der besonderen Art: Wie bringt man Literatur ins weltweite Netz? Die Info-Wissenschaftler der Saar-Uni erarbeiteten eine bunte Präsentation

Alles begann bei einer Ausstellung in Völklingen. Dort trafen sich der saarländische Schriftsteller Alfred Gulden und der Informationswissenschaftler Harald Zimmermann und fassten einen Plan: Wir machen ein literarisches Internet-Labor. Heute, zwei Seminare und zwei Jahre später, trägt das Ergebnis dieses Treffens den Namen „http://vili.phil.uni-sb.de/gulden/“ . Doch zurück zum Anfang. Da stand die Frage, wie Literatur sich im Worldwide Web (WWW) präsentieren lässt. Fachliche Texte ja – schließlich ist das Internet „das“ Informationsmedium schlechthin – aber Romane, Gedichte und Kurzgeschichten? Jeder Leser macht sich zur Sprache des Autors sein eigenes Kino im Kopf, Webseiten hingegen quellen über vor Bildern und Grafiken. Wie passt das zusammen? Das Internet erweist sich dann als Gewinn, wenn der Autor seinen Text mit bestimmten Bildern verknüpfen und illustrieren will, erklären die beiden Saarbrücker Informationswissenschaftler Harald Zimmermann und Heinz-Dirk Luckardt. Alfred Gulden, der ohnehin schon „multimedial“ arbeitete, nicht nur schreibt, sondern auch Filme und Hörspiele macht, war interessiert am Online-Medium Internet. „Mit allen Mitteln“ , ein zwei-semestriges Forschungsseminar, wurde im Oktober 1998 aus der Taufe gehoben. „Wir waren die ersten, die ins kalte Wasser sprangen“ , sagt Zimmermann. Ziel war es, einerseits das Gesamtwerk Guldens in einer Datenbank zu dokumentieren und über das Internet abrufbar zu machen, andererseits ausschnittsweise einzelne Werke für das Online-Medium aufzubereiten. „Die vielfältigen Mittel oder Werkzeuge, die sich durch die digitale Aufbereitung quasi anbieten, sollten eingesetzt werden, um eine Werkschau zu schaffen, die dem Nutzer Dinge bietet, die ein Buch nicht leisten kann“ , erklärt Zimmermann das Projekt. „Das Faszinierende an dem Seminar war das Zusammentreffen von altbewährter Kultur und moderner Informationstechnologie“ , erinnert sich Sascha Beck, Student der Informationswissenschaft. „Gulden war gegenüber den Seminarteilnehmern und den neuen Medien ganz offen eingestellt. Er stellte uns all sein Material zur Verfügung, das er zur Erstellung seiner Bücher, Gedichtbände und Filme verwendet hatte.“ Dabei handelte es sich um umfangreiche Fotosammlungen, mehrbändige Kollektionen von Zeitungsausschnitten und schriftliche persönliche Erinnerungen – zum Teil sogar in Tagebuchform. „Ich habe im Seminar sozusagen die Hosen runtergelassen“ , sagt Gulden, „es war eine Art Operation am lebenden Objekt.“ Literatur im Internet ist ein relativ neues Experimentierfeld. Vor allem junge, unbekannte Autoren publizieren im Netz. Berufsautoren halten sich nach wie vor lieber an ihre Verlage. Den meisten Autoren macht die Vorstellung, ihre Texte könnten ungeschützt im Internet herumschwirren, Angst, zumal das Net bisher noch eine Plattform für den Missbrauch von Autorenrechten ist. In der Zeit, als das Saarbrücker Seminar startete, leitete die Musik-Branche gerade rechtliche Schritte gegen Vervielfältigung ein, für Literatur im Internet gibt es noch keine Richtlinien. So fragte sich auch Alfred Gulden, was aus seinem Werk würde, wenn es erst im Netz stehe. Ist es dann nicht der Gefahr einer Verfälschung ausgeliefert? Deshalb kam es für ihn auch nicht in Frage, unveröffentlichte Texte ins Internet zu bringen. Die Seminarteilnehmer bearbeiteten also den Roman „Leidinger Hochzeit“ , für den Gulden 1986 den Stefan-Andres-Preis erhielt, als kompletten Hypertext-Roman. Hypertext bedeutet, dass der Leser die Möglichkeit hat, innerhalb des Textes zu springen, indem er Querverweise ( „Links“ ) anklickt. Für die Online-Version der „Leidinger Hochzeit“ haben die Studierenden beispielsweise eine Hochzeittafel entworfen, an der der Leser jeden Gast einzeln aufrufen kann, um sich Details zu seiner Biographie oder Bedeutung innerhalb des Romans in Erinnerung zu rufen. Bilder des Saargau-Dorfs Leidingen säumen den Textrand. Ein Absatz, in dem es um Misteln geht, bietet Links, hinter denen sich weitere Informationen zu dem Schmarotzer-Gewächs verbergen. Eine andere Gruppe von Studenten stellte, passend zum Romantext, den Gedichtzyklus „Sieben Schmerzen“ in den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Litauisch ins Netz. Wer Lautsprecherboxen an seinem Computer hat, kommt sogar in den Genuss, sich einzelne Passagen aus dem Roman „Leidinger Hochzeit“ anzuhören, vorgelesen vom Autor. Es gibt viel zu entdecken in der multimedialen Werkschau der Saar-Uni. SARAH KLEIN