Diese Website ist seit dem Ende des Studiengangs Informationswissenschaft
im Juni 2014 archiviert und wird nicht mehr aktualisiert.
Bei technischen Fragen: Sascha Beck - s AT saschabeck PUNKT ch
Drucken

Diskussionsbeiträge

Berufsbilder: Online-Redakteur, Content-Manager, Informationsarchitekt

„Der Bedarf ist da. Es kommt darauf an, eine Nische zu finden“
– Ein Gespräch mit dem Saarbrücker Informationswissenschaftler
Prof. Dr. Harald H. Zimmermann –

Trotz der Krise in der IT-Branche werden Unternehmen auch in Zukunft Mitarbeiter brauchen, die Web-Präsenzen planen, entwerfen, gestalten und auf dem neuesten Stand halten. Davon ist Professor Dr. Harald H. Zimmermann, Informationswissenschaftler an der Universität des Saarlandes, überzeugt. Dabei, so Zimmermann, wird allerdings nicht unbedingt der hoch spezialisierte Experte gefragt sein, sondern ein Mitarbeiter, der ein breites Grundwissen über das Medium mit einem Blick auf das Ganze verbindet, ein Mitarbeiter, der in der Lage ist, Informationsvermittlung als ein komplexes System zu verstehen. Zimmermann: „Man braucht nicht den spezifischen Online-Redakteur, aber Redakteure mit Online-Kompetenz.“

Das von Zimmermann geforderte breite Grundwissen erwerben die etwa 500 Studierenden der Informationswissenschaft in Saarbrücken während ihrer achtsemestrigen Ausbildung. Gestaltung von Informations-Systemen, Webpublishing, Desktop Publishing, Information Broking, Consulting und Projektmanagement heißen einige der Schwerpunkte des Studiengangs. Das Studium will den Blick dafür schärfen, wohin die Entwicklung in der IT-Welt geht und wo die Probleme der Informationsvermittlung im Internet liegen. Professor Zimmermann erläutert das am Beispiel von Freizeitparks: „So ein Freizeitpark hat normalerweise ein Einzugsgebiet von etwa 250 Kilometern und stellt seine Werbung auf die Attraktionen ab, die er anzubieten hat. Wenn derselbe Freizeitpark nun eine Website ins Netz stellt, können theoretisch Besucher aus der ganzen Welt kommen.“ Dann seien aber weit mehr Angebote gefragt als vorher: Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants, Verkehrsanbindungen. „Ein guter Informations-Architekt erkennt dieses Problem und weist seinen Kunden darauf hin.“

Die Bezeichnungen „Informations-Architekt“ oder „Informations-Ingenieur“ findet Zimmermann treffender als etwa „Online-Redakteur“ oder „Content Manager“. Die wichtigste Aufgabe des Informations-Architekten besteht für Zimmermann darin, den Nutzer im Blick zu behalten: „Bei uns ist Usability ein großes Thema.“ Der Ansatz der Saarbrücker Informationswissenschaftler: Es gibt einen Nutzer, der etwas braucht. Darin unterscheiden sie sich laut Zimmermann von anderen Konzepten, bei denen der Verkauf eines Produkts im Vordergrund steht.

Die Chancen für Quereinsteiger in das Berufsfeld „Information“ beurteilt Zimmermann dann als günstig, wenn es den Bewerbern gelingt, ihre früher erworbenen Qualifikationen mit ihrem IT-Wissen zu verbinden. Dann, so Zimmermann, stünden dem Quereinsteiger alle diejenigen Tätigkeitsfelder offen, in denen auch die Studierenden der Informationswissenschaft nach ihrem Abschluss erfolgreich arbeiten: Informationsmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Fachinformation, Consulting, Marketing, Dokumentationswesen, Publizistik. Zimmermann: „Der Bedarf ist da. Es kommt darauf an, eine Nische zu finden.“ Über eins, so Zimmermann, müsse sich der Branchen-Neuling allerdings im Klaren sein: „Quereinstieg heißt: Maloche“, heißt Arbeit an der eigenen Qualifizierung auch nach Feierabend, und mit einer adäquaten Position und Entlohnung könne man auch erst nach einigen Jahren rechnen.

Unabhängig davon, wo man sich bewirbt, kommt es für Professor Zimmermann auf eine überzeugende Selbstdarstellung des Bewerbers an: „Große Firmen erhalten heute auf eine Ausschreibung Dutzende von Bewerbungen. Da muss man schon ein überzeugendes Angebot machen, wenn man unter die letzten Fünf kommen will.“ Eine gute Ausbildung und eine überzeugende Präsentation der eigenen Fähigkeiten könnten aber auch in einer Zeit, in der die IT-Branche kriselt, zum Erfolg führen, denn: „Die Angst der Firmen ist nicht, einen Schlechten einzustellen, sondern einen Guten zu verpassen.“

© Stefan Schank 2002